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1836

Beim Ober-Mufti

Adolf Glaßbrenner

Von dem zopf'gen Ober-Mufti Lumpel-Lampel in persona (Was mich höchlich überraschte) Eines Tages vorgefordert:

Ließ von meiner Gräfin, welche Auch bei meiner Haus-Chatulle Gern mir ihre Dienste weihte, Ich mir holen eine Pulle

„Grüneberger Schattenseite.“ Denn es ist hier Pflicht und Sitte Jedem, den der Ober-Mufti Lampel durch Audienz beehret,

Eine solche theure Pulle Von dem köstlichsten der Weine Der gepreßt hier wird und welchen Eine goldne Etiquette

Titelt „Herber Himmelssegen,“ Auf den Altar des Pallastes Seiner Zopfigkeit zu legen. Das Portal des mächtig-prächt'gen

Marmorschlosses Lumpel-Lampels, Das dem braven Dummdummdummer Volk, bei dem man immer frommen Und erbauungslust'gen Sinn trifft:

Ueber eine Million Beutel Goldes einst gekostet, Trug in Zeichen, schon verrostet, Diese demuthvolle Inschrift:

„Hier Entbehrung, dort der Lohn!“ Als ich durch die hochgewölbten Weiten, kalten Hallen schritt, Nahm es Anfangs mich Erstaunen,

Daß die kolossalen Statuen All' der frühern Ober-Mufti's Und der frühern hohen Sultans (Andere Personen durften

Hier nicht ausgehauen werden), Welche ich als Meisterwerke Der Sculptur bewundern mußte: Sich hier sämmtlich präsentirten

Mit grellblauen oder schwarzen Augen, lebensrothen Backen, Dunkeln oder grauen Haaren, Bunten Mänteln, Hosen, Jacken!

Kurzum: coloriret waren. Aber bald erkannt ich freudigst, Daß die Künstler dieses Sternes Unsre ird'schen Griechenschüler

So an äußerlicher Klarheit, Wie an Tiefe und an Wahrheit Kirchthurmartig überragen Und, was mehr noch, vom Gemeinen

Fern sich haltend, nie den feinen Anstand zu beleid'gen wagen. Denn daß diese Griechenschüler Weiß uns machen möchten: unsre

Großen und berühmten Männer, Die sie durch den Meißel schaffen, Wären immer ohne Halstuch, Mit so leichenblassem Antlitz

Und mit so schneeweißem Schlafrock, Stiefel, Beinkleid, Rock und Mantel In der Welt umhergegangen: Das muß doch der kleinste Junge

Lächerlich und albern finden! Und daß gar die Griechenschüler Sich die Blöße geben, große Frau'n und Männer so zu meißeln,

Als ob sie stets alle Sitte Und mit ihr zugleich bei Seite Unterröcke, Schuh' und Strümpfe, Hosen, falsche Cul's, Manchetten,

Hemden und Corsetts geworfen, Und zuletzt, just solche zeigend, Alle Scham vergessen hätten: Das muß jeden Jüngling, jede

Dame, Demoiselle, jedes Fräulein, darauf möcht' ich schwören (Nach geschehener Betrachtung) Jach erfüllen mit Verachtung

Und im Innersten empören. Selbst, daß diese Steingestalten Todtbezwung'ner Herrschgewalten. Sich nicht hier im bloßen, weißen

Haupte zeigten, sondern Fezze Und bequeme Hüte trugen, Mußte kritisch gut ich heißen, Da nach höchstem Kunstgesetze

All' sie sollten sein doch möglichst Aehnlich den Originalen, Und sich diese, barhaupt weilend Hier in diesen kühlen Stätten,

Sicher einen kolossalen Schnupfen zugezogen hätten. Auch die Maler mußt' ich ehren, Deren große Essig-Bilder

(Denn hier malt man nicht in Oel) Goldgerahmt Plafonds und Wände Reicher, hoher Säle schmückten, Die, geführt von zween sehr jungen

Blonden Müft'chen ich durchschritt. Nicht des Menschengeist's vulgärer, Destruktiv-unritterlicher Drang und Kampf nach Licht und Freiheit,

Offenbart durch die Geschichte! Nicht die wild-konstablerlose Urkraft der Natur und ihre Sinnlich-unmoral'sche Schönheit!

Nicht der Witz und Sinn des Tages, Der aus Handel und Verkehr blitzt! Nicht der lebenden Geschlechter Geistige Belagerung

Jener alt-ehrwürd'gen Zwingburg, Die das Vorrecht den Plebegern Gegenüber aufgerichtet: Alles Dies, wiewohl verführbar

Für des Künstlers hohe Seele, Gab den sehr verehrungswürd'gen, Braven, pinselnden Talenten Hier nicht Stoff zu ihren Werken!

Nein, vermeidend jeden Vorwurf – Solcher Art – der leicht begeistert, Wählten sie vielmehr sich Stöffe, Denen gegenüber jeder

Anreiz, jeder Aufschwung selber Schon ein Kunststück war, ein schweres. Wählten sie sich lauter laut're, Alt-naive, lobenswerthe,

Wunderreiche Traditionen, Die seit langen, langen Jahren In den Odem alles Lebens, (Des verkehrten und profanen)

Segensvollen Staub einbliesen; Die, gottlob, den tollen Geist meist Schon geknebelt und gebunden, Und der radicalste meist heißt:

Abgelebt und überwunden!

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