Skip to content
1780

Amors Geburt

Heinrich Wilhelm von Gerstenberg

Nicht erst in dieser Reih von Jahren, Schon da, als Menschen Schäfer waren, Vor Säklen schon hab ich, Sophia, dich geküßt, Nur blos dem Namen nach verschieden,

Hab ich Sophien in Naiden, Hast du mich im Mirtill geküßt. Zwar diese Bilder sind an Lethens goldnen Wellen, Der unter Trauben sich ergießt,

Wo ewig, wie aus Nektarquellen, Der Most aus Bachus Urne fließt – Zwar sind sie längst an Lethens goldnen Wellen Aus deiner Seel ertränkt:

Nur aus des Dichters Geist hat sie kein Most ertränkt, Der Thaten aus Prometheus Zeiten So klar, wie ferne Künftigkeiten, Am Aganipper-Bache denkt.

Ich seh, ich seh – o glaube dem Berichte! – In jene Welt zurück, von heilger Glut beseelt! O Liebste, höre die Geschichte, In der dein Dichter dir erzählt,

Wie er vor Säklen schon dich und dein Herz gewählt – Dein Herz voll Zärtlichkeit, dein himmlisch Herz gewählt! Der Himmel trug noch wenig Götter; Den Zevs verkündigte kein zornig Donnerwetter;

Halbgötter kannte man noch nicht. Vor wenigen, holdlächelnden Göttinnen Entzückte Cypria durch Bildung und Gesicht: – Dir aber, Mädchen, glich sie nicht. –

Der spätern Nachwelt Halbgöttinnen Durchirrten noch als Schäferinnen Die bunte Flur, den jungen Hayn, Und nahmen keinen Schäfer ein,

Und fühlten nicht der Liebe Pein: Denn Amor, der Monarch der Herzen, Schoß noch in keine Brust glutvolle Liebesschmerzen. Singt Cypripors Geburt, ihr Musen! –

Aus einer Rosenknosp an Venus vollem Busen Schlich unvermerkt der Gott hervor. An seinem zarten Hals, durchsichtiger als Flor, Den seidne Locken frey umflogen,

Hing schon der Köcher und der Bogen. Schnell sprang der Schalk auf Venus Brust empor, Sah von der Höhe stolz hernieder, Und schüttelte sein artiges Gefieder,

Und wagts, und flog empor. Gewaltsam, in der schnellsten Eile, Flog in mein Herz der größte seiner Pfeile: Erschrocken sank ich hin.

Da sah ich meine Brust von Tropfen Bluts sich färben, Und weint', und glaubte nun zu sterben; Doch Cyperns edle Königinn Entriß mich huldreich dem Verderben.

Hier winkte mir ein Purpur-Mund; Dort eine Brust, gewölbt und rund; Hier reizten ein paar volle Wangen, Dort ein paar Augen, mein Verlangen:

Wohin ich nur, unschlüßig, sah, Stand etwas, mich zu reizen, da; Bis ich ein holdes Kind entdeckte, Das meinen Blicken sich versteckte,

Frisch, wie der Morgenthau, jung, wie ein Frühlingstag, Und heiter, wie ein Silberbach. Dein ganz Gefolge gönn ich dir; Dieß Mädchen, Göttinn, schenke mir.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Amors Geburt · Heinrich Wilhelm von Gerstenberg · Poetry Cove