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1833

Gute Nacht

Emanuel Geibel

Schon fängt es an zu dämmern, Der Mond als Hirt erwacht Und singt den Wolkenlämmern Ein Lied zur guten Nacht;

Und wie er singt so leise, Da dringt vom Sternenkreise Der Schall ins Ohr mir sacht: Schlafet in Ruh'! schlafet in Ruh'!

Vorüber der Tag und sein Schall; Die Liebe Gottes deckt euch zu Allüberall. Nun suchen in den Zweigen

Ihr Nest die Vögelein, Die Halm' und Blumen neigen Das Haupt im Mondenschein, Und selbst des Mühlbachs Wellen

Lassen das wilde Schwellen Und schlummern murmelnd ein. Schlafet in Ruh', schlafet in Ruh'! Vorüber der Tag und sein Schall;

Die Liebe Gottes deckt euch zu Allüberall. Von Tür zu Türe wallet Der Traum, ein lieber Gast,

Das Harfenspiel verhallet Im schimmernden Palast, Im Nachen schläft der Ferge, Die Hirten auf dem Berge

Halten ums Feuer Rast. Schlafet in Ruh', schlafet in Ruh'! Vorüber der Tag und sein Schall; Die Liebes Gottes deckt euch zu

Allüberall. Und wie nun alle Kerzen Verlöschen durch die Nacht, Da schweigen auch die Schmerzen,

Die Sonn' und Tag gebracht; Lind säuseln die Zypressen, Ein seliges Vergessen Durchweht die Lüfte sacht.

Schlafet in Ruh', schlafet in Ruh'! Vorüber der Tag und sein Schall; Die Liebe Gottes deckt euch zu Allüberall.

Und wo von heißen Tränen Ein schmachtend Auge blüht, Und wo in bangem Sehnen Ein liebend Herz verglüht,

Der Traum kommt leis und linde Und singt dem kranken Kinde Ein tröstend Hoffnungslied. Schlafet in Ruh', schlafet in Ruh'!

Vorüber der Tag und sein Schall; Die Liebe Gottes deckt euch zu Allüberall. Gut' Nacht denn, all ihr Müden,

Ihr Lieben nah und fern! Nun ruh' auch ich in Frieden, Bis glänzt der Morgenstern. Die Nachtigall alleine

Singt noch im Mondenscheine Und lobet Gott den Herrn. Schlafet in Ruh', schlafet in Ruh'! Vorüber der Tag und sein Schall;

Die Liebe Gottes deckt euch zu Allüberall.

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