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1833

Die junge Zeit

Emanuel Geibel

Wohl schwillt mir hoch die Brust mit raschem Klopfen, Seh' ich, im Angesicht des Schweißes Tropfen, Die junge Zeit, wie sie gewaltsam ringt, Wie sie, zu stetem Werk geschürzt die Lenden,

Ein neuer Herkules, mit Kinderhänden Das Ungeheure schon vollbringt. In tausend Schmieden bei der Essen Brande Gießt sie das Erz und schweißt in Eisenbande

Die weiten Länder, die ihr untertan; Vom müden Saumroß, das sich wund getragen, Nimmt sie das Joch und schirrt vor ihrem Wagen Den Dampf, den wilden Riesen, an.

Durch Felsenschachte wühlt sie ihm die Gänge Gewölbt und fest, daß in der düstern Enge Des Schlotes Feuer rot wie Fackeln sprühn; Sie schlägt ihm übers Tal mit Strom und Weilern

Wie einen Aquädukt auf hundert Pfeilern Von Berg zu Berg die Brücke kühn. Im Schiff, das keck entgegen jedem Winde Ihr Dämon treibt, durchfliegt sie pfeilgeschwinde

Zum fremden Küstenland die salz'ge Bahn; Stolz flattert wie ein Busch von schwarzen Federn Der Rauch am Mast, und grollend in den Rädern Knirscht der bezwungne Ozean.

Des frost'gen Nords, des heißen Südens Sterne Schlingt sie zum Kranz, schon gibt es keine Ferne; Vorm Hammerschlage ihrer mächt'gen Hand, Wie einst vor Israels Posaunenschalle

Die Mauern Jerichos, zerbarst im Falle Des Raumes eh'rne Scheidewand. Und sieh, nun braust es her auf tausend Wegen, Was nie sich schaute, tritt sich keck entgegen,

Bunt sind die Trachten, das Gedräng' ist dicht - Der Bergschütz grüßt den Reitersmann im Panzer, Der deutsche Bauer schaut dem Steppenpflanzer Ins tiefgebräunte Angesicht.

O welch ein endlos Wühlen, welch ein Rauschen! O welch ein Markt, welch Hinundwiedertauschen Von Schätzen, wie sie jede Zon' erzieht! Jeder ist Kaufmann, und mit ew'gem Schwanken

Von Mann zu Mann gehn Waren und Gedanken, Des Juden Gold, des Sängers Lied. Der tote Buchstab' weicht lebend'ger Rede, Gekämpft wird Blick in Blick der Geister Fehde,

Und wieder schließt sich Hand in Hand der Bund; Frohlockend spürt der Stamm im Bruderstamme Sein eigen Blut, es schwebt wie eine Flamme Der Freiheit Wort auf jedem Mund.

Glückauf, und magst du's stets im Herzen tragen Bei deiner Hast, bei deinem Mühn und Wagen! Glückauf, Glückauf, du junge Zeit von Erz! Und doch - muß ich so ganz versenkt dich schauen

In Stoff und Wucht - beschleicht mit leisem Grauen Mir oftmals eine Furcht das Herz: Du möchtest einst im Rauche deiner Essen, Im Trotze deines Riesenwerks vergessen,

Daß droben einer sitzt auf ew'gem Thron, So lang vergessen, bis er in Gewittern Herabsteigt, was du bautest, zu zersplittern Wie jenen Turm von Babylon.

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