Skip to content
1833

An den Schlaf

Emanuel Geibel

Hoch vor allen Gaben der Himmlischen Sei mir gepriesen, Du der Seele

Labendes Wasser, Gliederlösender, Heiliger Schlaf. Dich segn' ich abends,

Wenn ich gebeugt, Erquickung suchend, Herniedersteige Zu deiner Tiefe.

Wie Meereswogen Umfängst du mich kühlend; Und wie das Meer In seinem Schoße

Nichts Fremdes herbergt Und faules Gewächs, Trümmer und Leichen Rastlos wieder

Ans Ufer flutet: Spülst du die Sorgen Alle des Tages, Die kranken Gedanken

Zurück ans Gestad'. Dich rühm' ich morgens, Wenn mir die Seele Verjüngt emportaucht

Aus deinen Wellen, Frisch und strahlend Wiedergeboren, Der meerentstiegenen

Göttin gleich. Ein heilig Bad Bist du, o Schlummer, Würziger Kraft voll.

Mut und Erneuung Atmet die Psyche, Wenn deine Woge Sanft die bewußtlos

Schwimmende trägt Von Leben zu Leben Von Strand zu Strand. So ist der Tod

Auch ein Bad nur. Aber drüben Am anderen Ufer Liegt uns bereitet

Ein neu Gewand.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
An den Schlaf · Emanuel Geibel · Poetry Cove