Skip to content
1833

9.

Emanuel Geibel

O sieh, wie hinterm Waldgebirge sacht Ein sel'ger Schein emporquillt in die Nacht! Dort, in der Pinienwipfel Finsternis, Den flücht'gen Wagen hemmt jetzt Artemis

Und steigt in Glanz gehüllt am Felsenhang Zum Jüngling nieder, der ihr Herz bezwang. Er schlummert ahnungslos; sie weckt ihn nicht, So lieblich glüht vom Traum sein Angesicht;

Versunken läßt sie in entzücktes Schaun Auf Wang' und Stirn ihm leise Küsse taun. – Wohl harren Erd' und Himmel unerhellt, Doch wer vergißt nicht, wenn er liebt, die Welt!

Da schnauben kühl vom Tau die Zelter schon, Sie reißt sich los: „Fahr wohl, Endymion!“ Ein einz'ger Kuß noch, und mit sichrer Hand Die Zügel faßt sie, halb zurückgewandt,

Und sanft vom Hang sich lösend, überm Tann Ins Blaue, zaudernd, schwebt ihr Lichtgespann.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
9. · Emanuel Geibel · Poetry Cove