Skip to content
1810–1876

I.

Ferdinand Freiligrath

Ihr Alle, mein’ ich, habt gehört von jenem seltnen Eispalast! Auf der gefrornen Newafluth aufstarrte der gefrorne Glast!

Dem Willen einer Kaiserin, der Laune dienend einer Frau, Scholl’ über Scholle stand er da, gediegen Eis der ganze Bau!

Um seine blanken Fensterreih’n, um seine Giebel pfiff es kalt: Doch innen hat ihn Frühlingsweh’n und hat ihn Blumenhauch durchwallt!

Allüberall, wohin man schritt, Musik und Giran- dolenglanz, Und durch der Säle bunte Flucht bewegte wirbelnd sich der Tanz!

Also, bis in den März hinein, war seine Herr- lichkeit zu schau’n; Doch — auch in Rußland kommt der Lenz, und auch der Newa Blöcke thau’n!

Hui, wie bei’m ersten Sturm aus Süd der ganze schimmernde Koloß Hohl in sich selbst zusammen sank, und häuptlings in die Fluthen schoß!

Die Fluthen aber jauchzten auf! Ja, die der Frost in Bande schlug, Die gestern eine Hofburg noch und eines Hofes Unsinn trug,

Die es noch gestern schweigend litt, daß man ihr auflud Pomp und Staat, Daß eine üpp’ge Kaiserin hoffärtig sie mit Füßen trat: —

Dieselbe Newa jauchzt’ empor! Abwärts mit brau- sendem Erguß, Abwärts durch Schnee und Schollenwerk schob sich und drängte sich der Fluß!

Die letzten Spuren seiner Schmach malmt’ er und knirscht’ er kurz und klein — Und strömte groß und ruhig dann in’s ewig freie Meer hinein!

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
I. · Ferdinand Freiligrath · Poetry Cove