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1862

Wangeline von BurgsdorfoderDie weiße Frau

Theodor Fontane

Das ist die Sage: Und will Gefahr Die Hohenzollern umgarnen, Da wird lebendig ein alter Fluch, Die weiße Frau im Schleiertuch

Zeigt sich, um zu warnen. Sie kommt dreimal, geht um dreimal, Zögernder immer und trüber, Die Wache ruft ihr Halt-Werda nicht mehr,

Sie weiß, den Gast schreckt kein Gewehr – Der Schatten schreitet vorüber. Die Lichter verglühn, im Schloß wird's still, Nur Eine, die sich noch schmücken will,

Sie tritt an den Spiegel und löst ihr Haar, Wangeline die schöne, wie schön sie war. Sie schmückt sich; für wen? Für ihren Galan: Kurt Jagow hat es ihr angetan;

Sie sahen sich viel, sie küßten sich oft, Wird heut er kommen? Sie harrt, sie hofft. Sie hofft und wirft mit schimmernder Hand Ihr schwarzes Haar übers weiße Gewand,

Sie flüstert: „Ich lieb' ihn mit Seel' und Leib – Was soll mich kümmern sein gramblaß Weib. Und ob ihr bräche das Herz in der Brust, Je blasser die Tote, je röter die Lust,

Feigherzig Gewissen, fahr hin, fahr hin, Es brennt mein Blut, und es schwindelt mein Sinn.“ Sie spricht es. Da sieh, hellblendender Schein Fällt von der Tür in den Spiegel hinein;

Sie wendet sich um, auf schreit sie jäh – Ein trat Kurfürstin Dorothee. Die zittert selbst. In bebender Hand Mit bebt die Kerze, halb niedergebrannt ...

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