Skip to content
1858

Siebentes KapitelWie Rosamunde hofft und harrt

Theodor Fontane

Durch Woodstocks Laubengänge hin, In heller Mittagsstunde, Zieht nassen Aug's in trübem Sinn Die schöne Rosamunde;

Sie tritt zu einer Ros' heran Und pflückt sie und zerpflückt sie dann – Ein Tropfen fällt hernieder. Da plötzlich springt – den dürren Leib

Behängt mit schmutz'gen Loden, Rasch in den Gang ein Bettelweib, Als wüchs' es aus dem Boden; Sie kreischt in widerlichem Ton:

„Gib nur die Hand, ich weiß es schon, Du willst vom Liebsten wissen.“ Sie nimmt die Hand und drückt sie nun – Auf schreit Schön-Rosamunde;

Die Alte murmelt: „Soll ich's tun? Kein Lauscher in der Runde!“ Dann aber läßt die Hand sie frei Und spricht wie mitleidsvoll: „Vorbei!

Betrogen, Kind, betrogen!“ Das Bettelweib, kaum daß sie's sprach, Ist wieder sie verschwunden, Schön-Rosamunde starrt ihr nach,

Gelähmt und schreckgebunden; In Lüften eine Lerche singt – Sie hört es nicht, im Ohre klingt Das Sprüchel ihr der Hexe.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Siebentes KapitelWie Rosamunde hofft und harrt · Theodor Fontane · Poetry Cove