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1858

2.

Theodor Fontane

Der Herbst ist da. Die Lust, zu jagen, Lockt aus der Stadt nach Windsor-Schloß, Und jetzt, vorbei an Heck' und Hagen, Bricht Jakob und sein Jägertroß.

Welch Leben das! Die Rosse schäumen, Die Meute klafft, die Pfeife gellt, Der Wald erwacht aus seinen Träumen Und schauert, wenn ein Opfer fällt.

Schon dunkelt's. Doch das Blutvergeuden Es dauert fort bis in die Nacht, Bis Dürsten nach des Mahles Freuden Dem Durst nach Blut ein Ende macht.

Heim ruft das Horn. Bald in den Räumen Des Schlosses lärmt man beim Bankett, Man zecht, und statt der Rosse Schäumen Schäumt Wein und Lust jetzt um die Wett',

Toaste schallen hunderttönig, Der Wein verschwistert Alt und Jung, Und lüstern bringt zuletzt der König Den Damen seine Huldigung.

„Die Schönen hoch!“ Der trunkne Alte, Matt blinzelnd ruft er's durch den Saal, Sie aber, der sein Hoch erschallte, Die Lady Essex fehlt beim Mahl.

Dieweil der königliche Zecher Umsonst nach ihren Zügen gafft, Leert sie den ysopbittren Becher Zurückgewiesner Leidenschaft.

Sie, die bei tausend Huldigungen Ihr Herz mit kaltem Stolz bewährt, Sieht jeden Sieg, den sie errungen, In Niederlage jetzt verkehrt,

Sie glüht, und hinter Teppichwänden Hervor aus wohlgeborgnem Schrank Nimmt sie den aus ital'schen Händen Heut erst erkauften Liebestrank.

„Der tu' es!“ Und schon weiter bauend, Das Fläschchen in gekrampfter Hand, Stutzt plötzlich sie, sich selbst erschauend

Genüber in der Spiegelwand. Es ist, als fasse sie ein Staunen Vor ihrem eignen Ebenbild, Sie hört den Stolz im Busen raunen:

„Du bist es, draus dir Rettung quillt.“ Hin klirrt das Glas in Splitterscherben: „Fahr wohl! ... Du kümmerlicher Saft Sollst nicht um Liebe für mich werben

Und spotten meiner eignen Kraft. Traun, ob der alte Höllenmeister Auch selber dich bereitet hätt', Gilt's Herrschaft über Sinn und Geister,

Ich biete dir und ihm die Wett'; Nur fort der letzte Rest von Lüge, All Schein und Maske fahre hin, Sehn soll er meine wahren Züge,

Und siegen werd' ich, wie ich bin ...“

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