Skip to content
1819–1898

2.

Theodor Fontane

Noch eh’ die Sonn’ heraufgezogen, Sind die Zigeuner ausgeflogen. Als Kesselflicker, Rattenfänger, Hanswurst, Prophet und Bänkelsänger, —

Der Eine rechts, der Andere links, Zog Alles in die Dörfer rings. Nur eine Alte, welk und braun, Und unerquicklich anzuschaun,

Auf deren Antlitz, vielerfahren, Sich List und Herzensgüte paaren, Sucht noch, mit ihren gelben Händen, Schön-Sittah’s Anzug zu vollenden.

Zwölf Jahre mocht’ die Kleine zählen, Und während das Zigeunerweib Sich eilt ihr schwarzes Haar zu strählen, Schwatzt sie zu Sittah’s Zeitvertreib:

„die Flechte noch, — mein Herzenskind, Dann auf, in’s nächste Dorf, geschwind, Dort mach’, auf jedem Pachterhofe, Dich flugs an Tochter oder Zofe;

Nimm, wenn sich keine Karte fand, Die Heirathslustge bei der Hand, Und sag ihr, noch in diesem Jahre, Führ’ sie der Liebste zum Altare.

Kann sein, es leuchtet ihr nicht ein, Doch denkt sie drum, es Vor allen aber achte schlau, Ob eine junge Pachtersfrau

Vielleicht um Kinder, im Gebet Seit lange schon vergeblich fleht, — Und Herzchen, hast du So sag der Aermsten, unumwunden,

Daß eh’ der Kuckuk wiederkehre, Ein Kindlein ihr geboren wäre; — Sie mag dann sehn ihr Glück zu haschen, — Wir aber kriegen volle Taschen.“

Die Alte spricht’s, die Kleine lauscht, Die letzte Flechte wird beendet, Und als sie Gruß und Kuß getauscht, Hat Sittah sich in’s Dorf gewendet.

Ob sie der jungen Pachterfrau Ihr unfehlbares Schicksal lehrte, — Erfahren hat man’s nie genau; Doch als sie Abends heimwärts kehrte

Und dicht an eines Abgrunds Rand, An dem der schmale Pfad sich wand, In heitrem Muth vorüberschritt, — Nahm sie ein volles Täschchen mit.

Die Dornen hatten sie geritzt, Der weite Weg ihr Blut erhitzt, Sie hätt’ ’nen Tag von ihrem Leben Für wenig Wasser hingegeben.

So eilt den Felsweg sie entlang; Da fordert schier, am Bergeshang, Ein Brombeerstrauch mit schwarzen Beeren, Sie gastlich auf doch einzukehren.

Die Lust ist groß davon zu pflücken, Und abwärts gleitend auf dem Rücken, Labt sie sich mit des Durstes Gier, — — Da weicht der Boden unter ihr.

Umsonst, daß sie mit beiden Händen, Selbst an des Felsens harten Wänden Sich krampfhaft anzuklammern sucht, — Sie stürzt hinunter in die Schlucht.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
2. · Theodor Fontane · Poetry Cove