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1819–1898

1.

Theodor Fontane

Schön-Anne strählt ihr schwarzes Haar, Und hängt den Kopf in Trauer; Sie spricht: „heut werd’ ich zwanzig Jahr Und Jugend hat nicht Dauer;

Wenn ich ein Herz noch finden soll, Recht wie mein eignes liebevoll, So muß ich’s balde finden.“ Der Tag ist um; neugierig-bang

Legt Anne sich die Karten: „ein Jahr noch!“ ach, es ist so lang Bis über’s Jahr zu warten; Sie seufzet: „wär’ erst wieder Mai,

Nicht eher athm’ ich froh und frei, Bis ich ein Herz gefunden.“ Das Jahr ist um, der Mai ist da Mit seinen Blumen allen,

Wohl mochte Manchem, der sie sah, Die hübsche Dirn’ gefallen; Doch Anne war ein Waisenkind, Und wo nicht Hof und Truhe sind,

Da hat die Lieb’ ein Ende. Das Jahr ist um, und Anne spricht: „gott, diese Herzensleere Trag ich geduldig länger nicht,

Und kostet’s Ruf und Ehre; Die Eltern hab ich kaum gekannt, Niemals ein Herze mein genannt, — Ich

Und als der Sonntag Abend kam Da ging sie hin zum Tanze, Sie fragte nichts nach Schand’ und Scham, Und nichts nach ihrem Kranze, —

Sie suchte sich den Hübsch’sten aus, Und nahm ihn keck mit sich nach Haus; — Es war ihr fester Wille. „ich hab ein Recht!“ der eitle Wahn

Ließ keinen Spott sie scheuen, Sie sprach: „ich weiß, was ich gethan, Und nimmer soll’s mich reuen; Was mir das Leben schuldig ist,

Das soll mir nun in kurzer Frist Mein eigen Kind bezahlen.“

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