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1918

Sonne

Gerrit Engelke

Allmächtig prächtig Glutgestirn, Überwältigend emporwirbelnd, aufdonnernd vor Licht über Wolkenfirn In flutblau schäumende Himmelshallen, Die aus unendlichem ewig herniederfallen:

Unter dir sind: Waldmeere, der Flüsse Geäder, Felsballen, Und der grenzenlos hindunstende Tag Von Anfang zu Anfang. Erster Tag der Farnwälder und Saurier; ersten Blutes, Pulses Schlag,

Da aus der Mutter gewölbtem Leib ein Kind den Erdenodem trank! Oh! wie da aus aller Runde orgelnd: Leben! Leben! sang – Mächtig aufrauschten die Vaterstimmen der Fluten dem Gebärten, Die grauen Ur-Steingebirge schauerten in ihren Bärten,

Und Blüten, Blüten fielen tausendfroh aus Blumenhainen Und ein kindlich Lallen und erhaben Weinen. – – – Und regten sich tief unter deinem Feuerangesicht: Der Heerscharen Gewimmel, Aufruhr und Kampfgericht,

Gelage bei Leichen, Sturzwassernot, Meucheltod – Schwarzqualmender Städtemord, wild und funkenrot, – Vom Haß, vom Leid zerpflügtes und zerfleischtes Land. – – Und wieder bricht dein Feuerknäul durch Nacht und Wetterwand:

Seht da: London! Tower-Bridge, Dom, Westminster, Palastfronten von grauem Nebel triefend, morgenfinster – Auf einmal: brennend, auflodernd, Türme glühen, Park, Alleestraßen, Fußgänger, Volk, Volk sprühen,

Aufquirlend, hingerissen im gleißenden Mittagsgold! Und Wagen-Strom schiebt, knattert unendlich – rollt, rollt – Und wieder, seht: Berlin! Häusergevierte, Warenhausblöcke, Straßen-Netze, Kaufmannschaft, Damen, Uniformröcke,

Paraden-Märsche, Lärm von Autos, Omnibussen, Gäulen Um Reichstagsgebäude, Museen, Bahnhöfe, Denksäulen – Und abermals! Da: Peking! Papierlaternen um Pagoden, Gong-Musik, Zithergeklimper; gelbe, blumige Seidenmoden

Der zierlich trippelnden Frauen und Holzschuhgeklopf – Rassig magere Kulis, Mandarinen mit Schirm und Zopf Huschen vor Konfutses Tempel, dastehend aus Teak, Glasurziegeln. Und fern: Pei-Ho! Jangt-se-kiang! Fließender Spiegel:

Darin: Dschunken mit Mattensegeln, Haus- und Blumenboote, Von Flußpiraten erstochene, rundbäuchige, treibende Tote. – Und endlich: gigantisch, olympgroß: New-York! Rauch – Rauch – Ahnung von Arbeit, Tosen und Grenzlosem

Über fensterquadrierten Steinbergen, Hauskathedralen, Beton-Türmen, Kuppeln, Menschheit-Arsenalen – Breit walzende Avenuen, Squares; Würfeleinschnittgefüge – Kletternd: elektrische Untergrund- und Hochbahnzüge –

Plötzlich: brandend, blendend gewaltig Licht über Licht! Unten: anbrechend die Nachmittagsschicht: Gefauch, Geklirr, Sirenen-Heulen, zischender Dampf, Gehämmer, Ozean-Riesen, Mammut-Schiffe wühlen aus dem Dunstdämmer,

Rhode-Island-Dampfer, Hudson-Pinassen an Mole und Pier: Stündliche Schlacht, Lebenseroberung, Gold-Wut, Brot-Gier. Darüber, bogenspringend, tragend Bahnen, Männer, ohne Lücke: Fein schütternde, kilometerlange Brookliner Hängebrücke!

Alles, alles: brausend, stoßend in tausendfach spielendem Licht, Das aus der Eisensäulen Wolkenkronen bricht! Allmächtig, prächtig Glutgestirn, Emporwirbelnd, aufdonnernd vor Helle über Wolkenfirn:

Es ist kein Tag, der nicht von dir zerglüht, versengt, erbleicht In Meere, Prärieen, Städte sich abendmüde, leblos neigt und schweigt. Und keine Sterne – Nacht, die sich in blindem Durste schnell verblüht, Bis wieder Morgen! Morgen! Wolken, Wellen Menschenhäupter übersprüht.

Du Gottgestirn, flammensausender Blick und Auge ungeheuer: Du hältst, umwärmst und brennst mit deiner Güte Feuer: Gewölk, Getier, Gezeiten, Menschheit aller Zonen, Erdniedersingend, himmelüberschwingend in Aeonen,

Äquator, Pol – Europa und auch Asien? O, unser aller, meine deine lebenheiße Welt Von unaufhörlich gutem, ewig großem Tage überhellt, Von Sonne! Sonne, Sonne!

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