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1797–1848

Zweiter Gesang.

Annette von Droste-Hülshoff

Wo auf Sankt Bernhards Mitte recht Die Zinnen streckt der Felsenbau, In seiner Trümmer Irrgeflecht Ein Thal sich lagert, eng und rauh.

Da harrt es nun in ew'gem Lauschen, Nicht Vogelsang, nicht Blätterrauschen, Nein, wie die Stürme Seufzer tauschen. Inmitten schwärzlich ruht der See,

Der des verlornen Strahles Weh Gefesselt hält in seinen Flächen, So dort gleich dem Gefangnen liegt, Sich angstvoll an die Decke schmiegt,

Den glas'gen Kerker zu durchbrechen. Und nah dem unwirthbaren Strand Das Hospital steigt in die Höh' So schlicht wie eine Klippenwand,

Der Wandrer unterscheidet's nicht. Nur wenn ein Klang die Stille bricht, Vom Hochaltar das ew'ge Licht Wenn's durch die Nacht den blassen Schein

Wirft in das Schneegefild' hinein, Lenkt er zur Schwelle seinen Schritt, Der wahrlich sonst vorüber glitt. Denn in der Dämmrung ungestalt

Erscheint es wie ein Felsengrat Rings eingekerbt von weitem Spalt. Doch jetzt ein Flockennebel kraus Löscht duftig alle Formen aus.

Die Schneenacht dieser ew'gen Wüste, Als ob sie nimmer enden müßte, So dicht die Mauern hält umrungen, In jede Zelle ist gedrungen.

Auf allen Wimpern liegt der Mohn, Und nur des Schlafes tiefer Ton, Wie er bejahrter Brust entsteigt, Gespenstig durch die Gänge schleicht.

Ein Augenpaar noch offen steht. Nachlässig, in verklommten Händen, Der Mönch des Glockenstranges Enden, Sich auf und nieder windend, dreht.

Ermüdung kämpft in seinen Zügen, Die Nacht ist streng, der Dienst ist schwer. Wie die Gedanken abwärts fliegen, Er wirft den düstern Blick umher,

Zumeist sein Auge ist gericht't Doch immer auf den Estrichgrund, Wo ew'ger Lampe schlummernd Licht Geträumet hat ein mattes Rund.

In dieser todten Einsamkeit Der Bruder sich des Schimmers freut. Er weiß es selbst nicht wie ihm ist, So öd', so öd' zu dieser Frist.

Das Dunkel, das im Bethaus waltet, Der leeren Bänke Reih'n, ein Bild, Das scheinbar aus der Nische quillt, Und von der Decke hochgestaltet,

Manch' grauer Heil'ger zürnend schaut. Zudem — das Eis an Wänden hängt, Vom Glockenstuhl ein Luftzug drängt, Wie endlos Bommeln über'm Haupt

Schier die Geduld dem Bruder raubt. Ob denn die Stunde nimmer endet? Doch still! die Klosteruhr sich wendet: Eins — zwei — und drei — das Echo dröhnt,

Und auch der Mönch die Glieder dehnt. Er läßt den Strang, im Spähn verloren, Ihm summt's noch immer vor den Ohren. Nun knarren Thüren, schlurfen Tritte,

Ein Lichtstrahl durch die Ritze gleitet; Dann, haltend vor des Auges Mitte Sein Lämpchen in gebräunter Hand, Hervor Denis der Alte schreitet.

Längst vom Gesetz dem Dienst entbunden Hat er sich nimmer drein gefunden, Ein eifervoller Gottesknecht, Behauptend seiner Pflichten Recht.

Grau ist sein Haar wie sein Gewand, Und da er bleibt am Pförtchen stehn Den Finger mahnend aufgehoben, Du meinst den Alpengeist zu sehn.

„o Eleuth Mein junger rüstiger Gesell, Ermattest du im Dienst so schnell?“ Der Bruder läßig faßt den Strang

Und läßt sogleich ihn wieder fallen; „dem Vater wird die Zeit wohl lang; Ihr seyd der Rüstigste von Allen.“ Dann steht er, streicht mit flacher Hand

Die Falten von der Stirne Rand: „nehmt's, Vater, heut nicht so genau, Die Nacht war gar zu wüst und rauh, Mir friert das Hirn am Schädel an.“

„schlaf wohl!“ versetzt der alte Mann. Sein Lämpchen zündet Eleuth Zupft an dem Dochte mit Bedacht, Und nickt und murmelt drüber her:

„hab' ich mich je dem Dienst entzogen, Wenn Schnee die Pässe gleich gemacht, Und jede alte Spur getrogen? Allein, was in der Jahre Lauf,

Uns reibt am allermeisten auf, Dies Läuten, Läuten durch die Nacht, Wo nicht das Schneehuhn kommt hervor, Wo nicht der Uhu selber wacht,

Wo auf dem Bernhard klimmt kein Thor; Und wir!“ Er hebt die Lamp' empor. An dem Gemäuer, überall, Steigt glitzernd auf der Eiskristall,

Daß klar, wie in polirtem Stahl, Steht geisterhaft der kleine Strahl. „'S ist eben eine hies'ge Nacht,“ Versetzt Denis, „doch kannst du sagen,

Dich habe Trug hieher gebracht Zu Ruhe und bequemen Tagen? Und, Eleuth Daß Niemand in der Steppe wacht?

Ich selbst hab' in Decembernacht Vor Zeiten diesen Weg gemacht. Ich macht' ihn, hab' ihn machen müssen, Und, rathlos am Montmort gebettet,

Hat unser Glöckchen mich gerettet. So treibt die Noth“ — der Alte schweigt, Doch nieder auf den Strang sich beugt, Und angeschlagen mit Gewalt

Das Glöckchen durch die Steppe schallt. Dann — „still! rief's meinen Namen nicht?“ „nein, Vater.“ „Hast du nichts vernommen?“ „ein Schnauben, Scharren?“ Jener spricht:

„ist's möglich! unsre Hunde kommen.“ „still! Bruder, still!“ — Man horcht auf's neu; Ein leises Winseln schleicht herbei Vom Klosterthor, ein Stoßen, Kratzen,

Ein Rütteln wie mit schweren Tatzen. „schnell, Eleuth Schau, was der Barry uns gebracht!“ Denis, gebannt am Glockenstrang,

Doch immer schaut den Weg entlang. Nun nahen Tritte, ja gewiß — Die Gänge tappt's hinauf — allein Ein Hund scheint's und ein Mensch zu seyn.

Das Pförtchen öffnet sich. „Denis!“ Ruft Eleuth Das gute kluge treue Thier!“ Und nach ihm, schwer ermüdet, wankt

Der große Hund in die Kapelle; Er dreht die Augen rings, er schwankt, Ihm hängt das Eis vom zott'gen Felle, Auf seinem Rücken liegt ein Kind,

Ein armes Knäbchen, schier erfroren: Voll Reifen seine Löckchen sind; Die Hände hat es eingeklemmt In seines Trägers rauhe Ohren,

Mit schwachen Beinchen sich gestemmt Um Barry's Leib: in Angst verloren Wagt's nicht zu schrein, nur allgemach Ein Thränchen rinnt dem andern nach.

„o Barry, brav!“ der Bruder hebt Das Kind empor, das schaudert, bebt, Sich immer noch nicht fassen kann, Die kalten Händchen nun und dann

An sein geblendet Auge hebt, Und von dem wunderlichen Mann, Der, fort es tragend kos't und schilt, Sich angstvoll loszuwinden strebt.

Hart nebenher, das Ebenbild Des Mönches schier, die Dogge trabt, Mit gleicher Einsicht fast begabt, Der auch den Knaben will ergötzen,

Glutäugig, mit gehobnem Haupt Gar liebreich in die Höhe schnaubt, Und tummelt sich in wüsten Sätzen; Peitscht mit dem Schweif, steigt gähnend auf,

Streckt seine breite Tatze auf Bis an das Kind, das vor Entsetzen Beginnt zu schrei'n, der Hund zu bellen: Die Fenster klirren, alle Zellen

Beleben sich, und vorgeduckt Aus jeder Thür ein Mönchlein guckt. Und wie das Knäbchen sie erschau'n, Das Kindchen unter ihrem Dache,

Da ist's, als ob die Sonne, traun! Auf jedem Angesicht erwache. Und alle eilen, wie bethört, Ihm irgend Gutes zuzufügen;

Auf die Geschichte keiner hört. Das ist das heilige Vergnügen, Das ist die unverstandne Macht, So über Kindes Leben wacht!

Der Infirmier Die Glieder rührt, ob sie auch schwellen, Die Schuh ihm von den Füßchen zieht, Und heimlich, an der Zellenwand,

Ein alterschwacher Mönch sich müht Den kleinen Korb herabzustellen, Darin nach seiner thör'gen Art Er gute Bissen aufgespart.

Dem Pater Koch nicht schnell genug Das Reisig will die Flamme zollen. Dort Einer bringt ein warmes Tuch; Doch — horch! die Gitterpforten rollen. —

„der Prior!“ läuft's von Mund zu Mund. Mit freud'gem Funkeln lauscht der Hund, Die Mönche mit den Brüdern schelten Und lassen sie den Lärm entgelten;

Zur Zelle ein Noviz sich schleicht. Der Prior naht, gesetzt, doch leicht. Der schlanken Gemse tödlich waren, Als auf dem Montblanc diese Hand

Vergebens nie den Schuß entsandt. Und der Gewohnheit zähes Band Verräth sich noch bei grauen Haaren; Ja, dieser blauen Augen Blitz

Scheint noch zu spähn des Geiers Sitz; Den Stab er in der Mitte faßt, Wie einst der Doppelbüchse Last. Fürwahr! als einst, gedankenschwer,

Berathend in der Brüder Kreis Er zum Brevier griff ungefähr, Sah man das heil'ge Buch ihn schütteln, Wie's Pulverhorn die Jäger rütteln.

So leis' und fest die Schritte greifen. Nun, redend, an des Gurtes Strang Die Sehne scheint er noch zu streifen. „was, Brüder, zaudert ihr so lang?

Der Barry hat das Kind gebracht, Allein wer nahm das Kind in Acht? Wo ist der Mann, wo ist die Frau, So auf den Bernhard es getragen?

Seyd Väter ihr umsonst so grau? Muß euch des Hundes Witz verklagen? Seht, wie das arme Thier sich müht, Euch eure Pflichten anzusagen,

Wie's den Eugene am Kleide zieht! Ja, Barry, solche Lässigkeit Erfährst zum ersten Mal du heut!“

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