Am Wiesenhang 'ne Linde steht, so lieblich winkend mit den Zweigen, Auf jedem Ast ein Vogelnest, um jede Blüth' ein Bienen- reigen,
Sie scheint den düstern Föhrenwald aus ihren Kelchen an- zulächeln, Des nahen Städtleins Angelus ein säuselnd Ave zuzufächeln, Und für den nahen Friedhof auch
Hat sie versüßt des Westes Hauch. Und Blatt an Blatt vom Blüthenzweig verstreut sie auf des Greises Stirne, Der in dem Wurzelmoose lehnt sein Haupt mit siedendem
Gehirne; Zur Seite liegt der Stab, gefüllt mit Bettelbrode liegt der Ranzen, Und Schemen hier und Schemen dort mit Elfenschritten
drüber tanzen, Wie sie der Brust geheimster Hut Entschlüpfen in des Fiebers Glut. Den Anger seiner Kindheit sieht er in den Lindenzweigen
spielen, Die süße Heimat, und das Haupt der Eltern auf den Sterbe- pfühlen; Was er verloren und erstrebt, was er gesündet und getragen,
Wie Eine Nacht sein Haar gebleicht, die eignen Knechte ihn geschlagen. O Nacht, die Ehre, Kräfte, Hab' Zerbrach und ihm die Seele gab!
Er sieht sein faltiges Gesicht im Wasserspiegel widerscheinen Wie er sich selber nicht erkannt, und kindisch dann begann zu weinen; Ach, all die Thränen, so nachher aus tiefrer Quelle sind
geflossen, Ob sie ihn Christi Blut vereint? des Himmels Pforten auf- geschlossen? Wohl Schweres trug er mit Geduld,
Doch willenlos, durch eigne Schuld! Mit vierzig Jahren siecher Greis, ist er von Land zu Land geschlichen, Hat seines Namens Fluch gehört und ist zur Seite scheu
gewichen, Aus mancher Hand, die ihm gedient, hat er das Bettelbrod gebrochen, Und ist, ein todeskranker Mann, an dieses Hügels Bug ge-
krochen, An diesen Hügel — ew'ge Macht! Er schaudert auf; — Sylvesternacht! Der Föhrenwald — das öde Haus — dort stand der Priester,
dort am Hagen — O, in der Sterbestunde hat sein irrer Fuß ihn hergetragen, Das ist kein Schemen, dieses nicht; dort streckt Sankt Michael die Flügel,
Dort kreucht am Fußgestell der Drach' und schlägt die Kralle in den Hügel; Des Greises Auge dunkelt, wild Die Agonie zum Haupte quillt.
Das Buch — das Buch — er sieht das Buch — o Gottes- mutter, Gnade! Gnade! Er liebte dich, er liebte dich in Sünd' und Schmach! — gleich einem Rade
Die Zeichen kreisen — Gott, o Gott, er sieht ein Händchen niederreichen, Mit leisem goldnen Fingerzug die blutgetränkten Lettern streichen!
Und auf des Täuschers bleichen Mund Ein Lächeln steigt in dieser Stund.' Um Mittag hat der Mähder ihn am Lindenstamme aufge- hoben,
Und in des Karrens Futtergrün dem Leichenhause zuge- schoben, Auf der Gemeinde Kosten ist ein grobes Sterbehemd be- reitet,
Ein kurzer träger Glockenschlag hat zu der Grube ihn ge- leitet, Wo sich der Engelsflügel neigt Und nicht des Drachen Kralle reicht.
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