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1797–1848

V .

Annette von Droste-Hülshoff

Tief tiefe Nacht, am Schreine nur der Maus geheimes Nagen rüttelt, Der Horizont ein rinnend Sieb, aus dem sich Kohlenstaub entschüttelt,

Die Träume ziehen, schwer wie Blei und leicht wie Dunst, um Flaum und Streue, In Gold der hagere Poet, der dürre Klepper wühlt im Heue,

Vom Kranze träumt die Braut, vom Helm Der Krieger, und vom Strick der Schelm. In jener Kammer, wo sich matt der Fenster tiefes Grau schattiret,

Hörst du ein Rieseln, wie die Luft der Steppe zarten Staub entführet? Und ein Gesäusel, wie im Glas gefangner Bremse Flügel wispelt?

Vielleicht 'ne Sanduhr die verrinnt? ein Mäuschen das im Kalke rispelt? So scharf es geht, so bohrend ein Wie Sensenwetzen am Gestein.

Und dort am Hange — Phosphorlicht, wie's kranken Gliedern sich entwickelt? Ein grünlich Leuchten, das wie Flaum mit hundert Fäden wirrt und prickelt,

Gestaltlos, nur ein glüher Punkt in Mitten wo die Fasern quellen, Mit klingelndem Gesäusel sich an der Phiole Wände schnellen, Und drüber, wo der Schein zerfleußt,

Ein dunkler Augenspiegel gleißt. Und immer krimmelts, wimmelts fort, die grüne Wand des Glases streifend, Ein glüher gieriger Polyp, vergebens nach der Beute greifend,

Und immer starrt das Auge her, als ob kein Augenlied es schatte, Ein dunkles Haar, ein Nacken hebt sich langsam an des Tisches Platte,

Dann plötzlich schließt sich eine Hand Und im Moment der Schein verschwand. Es tappt die Diel' entlang, es stampft wie Männertritt auf weichen Sohlen,

Behutsam tastend an der Wand will Jemand Rathes sich erholen, Dann leise klinkt der Thüre Schloß, die losgezognen Riegel pfeifen,

Durch das Gemach, verzitternd, scheu, gießt sich ein matter Dämmerstreifen, Und in dem Rahmen, duftumweht Im Nachtgewand der Täuscher steht.

Wie ist die stämmige Gestalt zum sehnenharten Knorren worden! Wie manches, manches graue Haar schattirt sich an der Schläfe Borden!

O, diese Falten um den Mund, wo leise Kummerzüge lauern — So mocht an Babels Strömen einst der grollende Prophete trauern,

So der Verfehmte sonder Rast, Wie ihn Salvator Genüber, feingeschnitzelt, lehnt die Gnadenmutter mit dem Kinde,

Das sein vergoldet Händchen streckt wie segnend aus der Mauerspinde, Und drunter, in Kristall gehegt, von funkelndem Gestein umbunden,

Ein überköstlich Heiligthum, ein Nagel aus des Heilands Wunden; Zu seiner Ehre Nacht für Nacht Das Lämpchen am Gestelle wacht.

Nie hat, in aller Schuld und Noth, der Täuscher einen Tag beschlossen. Daß nicht an dieser Schwelle ihm ein glüher Seufzer wär' entflossen,

Selbst auf der Fahrt, auf nächt'gem Ritt, dämmert sein Auge in die Weite, Von des Polacken Rücken hat er mühsam sich gebeugt zur Seite,

Und sein beladnes Haupt geneigt Woher das Kind die Händlein reicht. Ein scheuer Bettler Tag für Tag so steht er an des Himmels Pforte,

Er schlägt kein Kreuz, er beugt kein Knie, nicht kennt sein Odem Gnadenworte, Schlaftrunknes Murmeln nur und glüh fühlt er's durch die Phiole ranken,

Die seinem Leibe angetraut wie ragend Krebsgeschwür dem Kranken, Und von dem kargen Lebensheerd Ein Jahresscheit ist weggezehrt.

Auch jetzt, in dieser Stunde, steht er lautlos, mit gestreck- ten Knieen, Nur leises Aechzen und voran! — schau, schau, wie seine Muskeln ziehen!

Voran! — das Heilthum — der Krystall — er lehnt sich an die Wand, er schwindelt, Ein angstvoll Zupfen — ein Gestöhn — er hat den Nagel losgewindelt,

Und stößt ihn dicht am Heil'genschrein In der Phiole Siegel ein. Hui! knallt der Pfropfen, hui, fährt das Glas in Millionen Splitter!

Gewinsel hier, Gewinsel dort und spinnefüßelndes Geflitter; Es hackt und prickelt nach dem Mann, der unterm Gnaden- bilde wimmert, Bis Faser sich an Faser lischt, des Centrums letzter Hauch

verschimmert, Und an der Gotteslampe steigt Das Haupt des Täuschers,

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