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1797–1848

Stille Größe.

Annette von Droste-Hülshoff

Ich klage nicht den Mann, der fällt Ein Markstein dem erkämpften Land, Der seines Schicksals Becher hält, Ihn mischend mit entschlossner Hand,

Ihn, der entgegentritt dem Sturm Und weiß, daß er die Eiche bricht; Wer war so reich wie Götz im Thurm, Wie Morus vor dem Blutgericht?

Ich klage nicht den Mann, der stirbt, Von Welt und eigner Glut verzehrt, Ihn, dem des Halmes Frucht verdirbt Und den des Himmels Manna nährt;

Correggio nicht, der siech und falb Die Kupferheller heimgebracht, Cervantes, der verhungert halb Ob seines Pansa noch gelacht.

Sie sind des Unglücks Fürsten, sind Die Mächtigen im weiten Blau, Sie fühlen, daß ihr Odem rinnt Entzündend um der Erde Bau,

Daß nur aus dunkler Scholle gern Und freudig schießt der Erndte Kraft, Und daß zerfallen muß der Kern, Soll strecken sich der Palme Schaft.

Ihn klag’ ich, dessen Liebe groß Und dessen Gabe arm und klein, Den, wie die Glut das dürre Moos, Sengt jener Strahlen Wiederschein;

Ihn, der des Funkens Irren fühlt Verzehrend in der Adern Bau, Und den die Welle dann verspühlt, Ein Aschenhäuflein, karg und grau.

O, eure Zahl ist Legion! Ihr Halbgesegneten, wo scheu In’s Herz der Genius gefloh’n, Und öde ließ die Phantasei;

Ihr, die ihr möchtet flügellos Euch schwingen mit des Sehnens Hauch, Und nieder an der Erde Schooß Sinkt, wie ein kranker Nebelrauch.

Nicht klag’ ich euch, weil ihr gering, Nicht weil ihr ärmlich und versiegt; Ich weiß es, daß der Zauberring Euch unbewußt am Finger liegt;

O ihr seid reich und wißt es nicht, Denn reich ist nur der Träume Land; O ihr seid stark und wißt es nicht, Denn stark ist nur der Liebe Band.

Wenn ihr am leeren Pulte neigt Und an der öden Staffelei, Um euch des Himmels Odem steigt Und in euch der Beklemmung Schrei;

Wenn zitternd nach dem Ideal Ihr eure heißen Arme streckt, Und kaum für’s nächste Kummermahl Den Halm die nächste Furche reckt.

Dann seid ihr mehr als der Poet, Der seines Herzens Blut verkauft, Mehr als der Künstler, der so spät Zur Heil’gen die Hetäre tauft;

Was ihr verschweigt, ist lieblicher Als je des Dichters Stirn gekrönt, Was ihr begrabt, ist heiliger Als Farb’ und Pinsel je verschönt.

Mir gab Natur ein kühnes Herz, Ich senke nicht so leicht den Blick; Mich drückt nicht Größe niederwärts, Drängt keine fremde Hand zurück;

Nie hat des Ruhmes Strahlenkranz An fremder Stirne mich gegrämt; Doch vor so stillen Blickes Glanz Hab’ ich mich hundertmal geschämt.

Weinende Quellen, wo sich rollt Das Sonnenbild im Wellenbann, Glühende Stufen, wo das Gold Nicht aus der Schlacke brechen kann;

Ich klag’ um euch, weil ihr betrübt, Weil euch das Herz von Thränen schwillt, Unwissend Sel’ge, weil ihr liebt, Und zweifelt an der Gottheit Bild.

Behütet euren stillen Schatz, Laßt uns das sonnenöde Land! Laßt uns den freien Bühnenplatz Und sterbt im Winkel unbekannt;

Einst wißt ihr, was in Euch gelebt, Und was in dem, der Euch gehöhnt; Einst, wenn der Strahlengott sich hebt Und wenn die Memnonssäule tönt.

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