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1797–1848

Junge Liebe.

Annette von Droste-Hülshoff

Ueber dem Brünnlein nicket der Zweig, Waldvögel zwitschern und flöten, Wild Anemon' und Schlehdorn bleich Im Abendstrale sich röthen,

Und ein Mädchen mit blondem Haar Beugt über der glitzernden Welle, Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr, Mit dem Auge der scheuen Gazelle.

Ringelblumen blättert sie ab: „liebt er, liebt er mich nimmer?“ Und wenn „liebt“ das Orakel gab, Um ihr Antlitz gleitet ein Schimmer:

„liebt er nicht“ — o Grimm und Graus! Daß der Himmel den Blüten gnade! Gras und Blumen, den ganzen Strauß, Wirft sie zürnend in die Cascade.

Gleitet dann in die Kräuter lind, Ihr Auge wird ernst und sinnend; Frommer Eltern heftiges Kind, Nur Minne nehmend und minnend,

Kannte sie nie ein anderes Band Als des Blutes, die schüchterne Hinde; Und nun Einer, der nicht verwandt — Ist das nicht eine schwere Sünde?

Muthlos seufzet sie niederwärts, In argem Schämen und Grämen, Will zuletzt ihr verstocktes Herz Recht ernstlich in Frage nehmen.

Abentheuer sinnet sie aus: Wenn das Haus nun stände in Flammen, Und um Hülfe riefen heraus Der Carl und die Mutter zusammen?

Plötzlich ein Perlenregen dicht Stürzt ihr glänzend aus beiden Augen, In die Kräuter gedrückt ihr Gesicht, Wie das Blut der Erde zu saugen,

Ruft sie schluchzend: „ja, ja, ja!“ Ihre kleinen Hände sich ringen, „retten, retten würd' ich Mama, Und zum Carl in die Flamme springen!“

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