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1797–1848

Iv .

Annette von Droste-Hülshoff

Ho! Gläserklang und Jubelsang und „Hurrah hoch!“ fährt's durch die Scheiben, Getroffen schwankt der goldne Leu, die Buben aus einander stäuben,

Und drängen sich und balgen sich das fliegende Confekt zu fangen; Ein Glas, 'ne Frucht, 'ne Börse gar, die blieb am Speer des Schildes hangen,

Und schreiend nach der Stange sticht Das kleine gierige Gezücht. Da klirrt aus des Balkones Thür ein Mann mit Gert' und Eisensporen,

Ihm nach ein Andrer, Flasch' im Arm, in Rausches Selig- keit verloren, „gesindel!“ ruft der Eine: „halt! ich will euch lehren Börsen stechen!“

„frisch, Jungens, frisch!“ der Andre drauf: „die Birn ist mein, wer kann sie brechen? Ihn schlag' ich heut', ich, Hans von Spaa, Zum Ritter von Lumpatia.“

„besinnt euch,“ spricht der Erste; „was, besinnen? hab' ich mich besonnen Als euer Falber wie'n gestochner Stier zusammenbrach am Bronnen?

Besann ich mich zu zahlen, Herr? o euer Vieh! dreihundert Kronen!“ Die Stimme bricht in trunknem Weh, er schluchzt: „mag euch der Teufel lohnen!“

Und schraubt den Pfropfenzieher ein; Der Täuscher murmelt finster drein, Und wendet sich. „He, holla, halt!“ schreit's hinter ihm, „nicht von der Stelle!

Hoch euer Galgenmännlein, hoch der kleine rauchige Geselle! Und wieder hoch! und dreimal hoch! — Alräunchen, Hütchen meinetwegen, Mag's ferner goldne Eier euch, und Andern todte Bälge

legen!' Der Täuscher lächelt, aschenfahl, Und schlendert pfeifend in den Saal. Noch zwei Minuten, und du siehst den Gassenpöbel vor ihm

weichen, Ihn scheu wie ein umstelltes Wild entlang die Häuserreihen streichen: So schleicht kein Trinker schweren Hirns und freudesatt sich

vom Gelage, So grüßt kein freies Herz, nicht steht auf offner Stirn so trübe Frage; Man meint, das Thor gewinne jetzt

Ein Schelm, von Gläubigern gehetzt. Erst als die Fichte ihn umstarrt, an seiner Sohle Nadeln rauschen, Hat er den Schritt gehemmt und steht, in sich gebeugt, zu

lauschen — lauschen — So lauscht kein Liebender dem Klang der Glocke, die zur Minne ladet, Kein Kranker so des Priesters Schritt, der mit dem Heil-

thum ihn begnadet: Ein Delinquent so lauschen mag Der letzten Stunde Pendelschlag. Am Sonnenbrande schlummernd liegt der Wald in des Aroma

Wellen, Und Harz entquillt den Nadeln wie aus Schläfers Wimpern Thränen quellen, Die sonnentrunkne Klippe nickt, die Vögel träumen von

Gesange, In sich gerollt das Eichhorn liegt, umflattert von dem Franzen- hange, An jeder Nadel weißer Rauch

Verdunstet Terpentines Hauch. Durch das Gezweig' ein Sonnenstrahl bohrt in des Horchers Scheitellocke, Die aus dem dunklen Wulste glimmt wie Seegewürmes

Feuerflocke; Er steht und lauscht, er lauscht und steht, vernimmst du nicht ein feines Schrillen, Ein Rieseln, wie wenn Sandgekörn auf Estrich stäubt durch

schmale Rillen? So scharf es geht, so bohrend ein, Wie Sensenwetzen am Gestein. Der Täuscher richtet sich, er seufzt, dann drängend nach des

Forstes Mitte, An eklem Pilze klirrt der Sporn und Blasen schwellen unterm Tritte, Hier wuchern Kress' und Binsenwust, Gewürme klebt an

jedem Halme, Insektenwirbel wimmelt auf und nieder in des Mooses Qualme, Und zischend, mit geschwelltem Kamm,

Die Eidechs sucht den hohlen Stamm. Der Wandrer bricht die Rank', er reißt und wüthet in den Brombeerhecken, Da seitwärts durch Geröhres Speer erglänzt des Kolkes

Dintenbecken, Ein wüster Kübel, wie getränkt mit schweflichen Asphaltes Jauche, Langbeinig füßelnd Larvenvolk regt sich in Fadenschlamm

und Lauche, Und faule Spiegel, blau und grün, Wie Regenbogen drüber ziehn. In Mitten starrt ein dunkler Fleck, vom Riesenauge die

Pupille, Dort steigt die Wasserlilj' empor, dem Fußtritt lauschend durch die Stille; Wen sie verlockt mit ihrem Schein, der hat sein letztes Lied

gesungen; Drei Tage suchte man das Kind umsonst in Kraut und Wasserbungen, Wo Egel sich und Kanker jetzt

An seinen bleichen Gliedchen letzt. Der Täuscher steht, den Arm verschränkt, und stuurt ver- düstert in die Lache, Sein Haar voll Laub und Kletten bauscht sich finster an der

Krempe Dache, Gleich einem Senkblei scheint der Blick des Kolkes tiefsten Grund zu messen, Zur Seite schaut er, rückwärts dann, kein Strauch, kein

Hälmchen wird vergessen, Greift dann behend zum Gürtelband Und hält ein Fläschlein in der Hand. Kaum hat das Ohr sich überzeugt, im Glase klingle das

Gerispel, Ein Wimmeln kaum das Aug' erhascht, wie spinnefüßelndes Gewispel, Da, hui! pfeifts im Schwung' und, hui! fährts an der

Lilie Krone nieder, Das Wasser zischt, es brodelt auf, es reckt die modergrünen Glieder, Und rückwärts, rückwärts sonder Halt

Raschelt der Täuscher durch den Wald. Erst im Verhaue, wo die Luft spielt mit der Beere Würzarome, Und auf den goldnen Schwingen trägt das Festgeläut vom nahen Dome,

Dort sinkt er schluchzend auf die Knie, so fest, so fest die Händ' gefaltet, O selten hat ein Seufzer so des Herzens tiefsten Grund gespaltet!

Was dieser Seufzer trägt, es muß Sich nahen wie ein glüher Kuß. Und Zähren Perl' an Perle sich entlang die braunen Wangen schmiegen,

So mochte der verlorne Sohn zu seines Vaters Füßen liegen; Da plötzlich zuckt der Beter — greift zum Gurte — tastet dann auf's Neue — Mit dumpfem Laute, klirrend fährt vom Grund er wie ein

wunder Leue, Und in den Fingern angstgekrampft Die triefende Phiole dampft!!

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