Wie friedlich in der Erde Schooß die still geringen Leutchen schlafen! Endlich ein Pfühl nach hartem Stroh, nach saurer Fahrt endlich ein Hafen!
Dem Flockenwulste, sichtbar kaum, entheben sich die niedern Hügel, Doch Gottes Engel kennt sie wohl, und schirmend breitet er die Flügel
Den Kreuzlein zu, die Pflock an Pflock Sich reihen um den Marmorblock. Am Sockel kreucht der Drachenwurm, und scheint zum Grund hinabzukrallen,
Zum todten Wuchrer unter'm Stein, von eigner Frevelhand gefallen, Wohl hat ihm Gold ein ehrlich Grab geworben an der Fried- hofsmauer,
Doch drüber zuckt sein Flammenschwert Sankt Michael in Zorn und Trauer, So silbergrau, ein Nachtgesicht, Steht das versteinerte Gericht.
Vom öden Hause, seinem einst, wo blutge Thränen sind geflossen, Hat sich ein seltsam dämmernd Licht bis an den Marmel- stein ergossen,
Es ist als ob das Monument bei der Berührung zitternd schwanke, Im Schnee wühlend eine Hand dem Schuldner sich entgegen ranke;
Er kömmt, er naht, die Pforte dröhnt, Er hat sich an den Stein gelehnt; Bleich wie der Marmor über ihm, und finster wie das Kreuz zur Seiten,
Von Stirn und Wimper, Zähren gleich, geschmolznen Reifes Tropfen gleiten; Was er in dieser schweren Nacht gelitten oder auch gesündet, Er hat es Keinem je geklagt und Keinem reuig es verkündet;
In's Dunkel starrt er, wie man wohl So starrt gedankenlos und hohl. Ihm ist, als fühl' er noch die Hand die seinen Federzug geleitet,
Als fühle er den Nadelstich, der seines Blutes Quell be- reitet, Und leise zitternd tastet er zum Gurte, — hörst du nicht ein Knirren,
Viel schrillender als Uhrgetick, viel zarter als der Spange Klirren? — O, seine Heimath, still umlaubt! O, seines Vaters graues Haupt!
Bewußtlos an des Engels Knie drückt er die Stirn, klemmt er die Hände, Der todten Gäule Klingeln hört er schleichen durch die Fichtenwände;
Genüber ihm am Horizonte schleifen schwarze Wolkenspalten, Wie lässig eine träge Hand zum Sarge schleift des Bahr- tuchs Falten; Er streicht das Auge, reckt sich auf,
Und schaut zum Aetherdom hinauf. Noch hängt die Mondesampel klar am goldgestickten Kuppel- ringe, Noch leuchtet von Sankt Thomas Thurm das Kreuz wie
eine Doppelklinge, Noch ist die Stunde nicht, wo sich der Hahn auf seiner Stange schüttelt, O eilig, eilig, eh die Uhr das letzte Sandkorn hat gerüttelt!
Er wendet sich, da — horch, ein Klang, Und wieder einer, schwer und bang! Und mit dem zwölften Schlage hat der Wolkenmantel sich gebreitet,
Der immer höher, riesig hoch, sich um die Himmelskuppel weitet, Und, horch! — ein langgedehnter Schrei, des Hahnes mitter- nächt'ge Klage;
Im selbigen Moment erbebt und lischt der Schein am Sar- kophage, Und Engel, Drache, Flammenschwert, Sind in die wüste Nacht gekehrt.
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