Das nenn' ich eine Winternacht! das eine Jahresleiche! Gnade Der Himmel Jedem den die Noth treibt über diese blanken Pfade!
Sie glitzern auf, der Schlange gleich im weißen Pyramiden- sande, Und drüber hängt, ein Todtenlicht, der Mond an unsicht- barem Bande,
Mit Fünkchen ist die Luft gefüllt, Die Sterbeseufzer zieht und quillt. Nie hat, seit Menschendenken, sich Sylvesternacht so scharf ergossen,
Der Tag hat Flocken ausgestreut, der Abend sie mit Glas umschlossen; In den Gehöften Taub' und Huhn auf ihrer Stange ächzend ducken,
Der Hund in seinem Schober heult und fühlt den Wurm im Hirne zucken; Zwei Spannen hat in dieser Nacht Das Eis dem Strome zugebracht.
Verklommen steht am Thor die Wach' und haucht in die er- starrten Hände, „wer da!“ „ein Freund!“ und hastig stampft es längs der Brücke Steingelände;
Betroffen sieht ihn der Rekrut wie einen Mast am Strome schwanken: „der ist betrunken oder irr!“ er steht ein Weilchen in Ge- danken,
Bekreuzt sich, zieht die Uhr heraus, Und lehnt sich an sein Schilderhaus. In's offne Land der Täuscher tritt, er athmet auf und schaut nach oben;
Kein Wölkchen hängt am Riesenbau der dunklen Saphir- kuppel droben, Er wendet sich, und sieht die Stadt wie eine Nebelmasse liegen,
Und drüber, auf Sankt Thomas Thurm, das Wetterkreuz sich schimmernd wiegen, Den Mantel zieht er an's Gesicht Und schreitet fort im Mondenlicht.
Was liegt dort über'm Weg? — ein Mensch, ein Mann in dünnem Zwillichrocke, — Der Täuscher zuckt, doch zaudert nicht; wohl sieht des Greisen dünne Locke,
Die Glatze, leuchtend aus dem Schnee, er sieht sie im Vor- überschreiten, Und wie mit tausend Stricken zieht es nieder, nieder ihn, zur Seiten;
An's Herz hat er die Faust geballt, Und weiter, weiter sonder Halt! Die Scholle unterm Fuße kracht, und scheint ihn wimmernd anzuklagen,
Die Luft mit ihrem leisern Hauch ihm Sterberöcheln zuzu- tragen, In dem verglas'ten Föhrenwald ein irres Leben surrt und klingelt,
Und seiner eignen Kehle Hauch mit Funkenstaube ihn umzingelt, Voran, voran, der Würfel liegt, Verloren oder keck gesiegt! Da wie ein Glöckchen tönt's von fern, und dann ein Licht-
chen kömmt geschwommen Den blanken Schlangenpfad entlang, ist an des Hügels Bug geklommen, Das Glöckchen schwirrt, das Flämmchen schwankt, Gestalten
dunkel sich bewegen, Ein Priester mit dem Sakrament zieht dem verstörten Mann entgegen, Und wie's an ihm vorüber schwebt
Der Mönch die Hostie segnend hebt. Der Täuscher schaudert, und ihn reißt's wie Bleigewichte an den Knieen, Doch weiter, weiter! — und vorbei läßt er den Gnaden-
engel ziehen; Noch einmal schaudert er — ein Knall — des Stromes Flächen spaltend zittern, Ein Windstoß durch der Föhren Haar, und die kristallnen
Stäbchen klittern — Da tritt zum Friedhof er hinaus Und vor ihm liegt das öde Haus. Er starrt es an — ein düst'rer Bau! mit Zackengiebel, Eisen-
stangen, Vom offnen Thore Nägelreihn wie rostige Gebisse hangen; Der Täuscher zaudert, dann umschleicht behutsam wie ein Fuchs im Winde
Die Mauern er; — ist's nicht als ob ein Licht im Innern sich entzünde? Er schüttelt sich, er tritt hinein Und steht im finstern Gang allein;
Tappt am Gemäuer, wendet sich; dort stimmt es durch der Thüre Spalten, Sacht beugt er zu der Ritze, lauscht, den schweren Odem angehalten;
Kein Ton, kein Räuspern, nur ein Laut wie scharfgeführter Feder Schrillen, Und ein Geriesel wie wenn Sand auf Estrich stäubt durch schmale Rillen;
Sacht greift er an die Klinke, sacht Hat er gepocht und aufgemacht.
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