So hat er sich umsonst gequält, umsonst verkauft die werthe Stätte, Wo seiner Kindheit Linde steht und seiner Eltern Sterbe- bette,
Umsonst hat er so manchen Tag den frostbeklemmten Hauch gesogen, In seiner starren Hand den Zaum, umknistert von des Schnees Wogen,
Beim Morgenroth, beim Abendroth, Nur um ein Stückchen ehrlich Brod! Der Täuscher kniet am Pflastergrund, er streicht des Rosses heiße Flanken,
Von des Gebälkes Sparren läßt die Leuchte irre Schatten wanken; Bei Gott, es lebt! — im Aug' ein Blitz! — es schaudert, zittert, hüben, drüben,
Dann streckt es sich, die Nüstern stehn, vom wilden Schreie aufgetrieben, Und aus den Gliedern wirbelt Dampf, Der Lebenswärme letzter Kampf.
Der Täuscher kniet und streichelt fort, nicht trauen will er seinem Auge, Und schwellend in die Wimper steigt der Mannesthräne bittre Lauge,
Sacht langt die Decke er herbei und schlägt sie um des Thieres Weichen, Dann läßt er der Laterne Schein ob den gespannten Sehnen streichen;
Es ist vorbei, kein Odemhauch, Und schon verschwimmt der Flanken Rauch. Vom Boden hebt er sich, er steht, der schwergebeugte Mann der Sorgen,
Und langsam hat er seine Stirn, hat sie in hohler Hand geborgen; Was heute war? was morgen wird? wie könnt' er dessen sich entsinnen!
Und der Verzweiflung Schlange fühlt er kalt zum Herzen niederrinnen; Was war? was ist? — er fährt empor, Ein Klirren, dicht an seinem Ohr!
Und an dem nächsten Ständer lehnt, des todten Rappen Zaum und Zügel Gelassen wägend in der Hand, ein Mann mit Hafermaaß und Striegel,
So stämmig wie durch Frost und Staub der Kärrner treibt die derben Glieder, In seinen breiten Nacken hängt der breite Schlapphut tröpfelnd nieder,
Und ruhig auf den Täuscher itzt Sein graubewimpert Auge blitzt. „herr!“ hebt er an: „ihr dauert mich, ein feines Thier ist euch gefallen,
Doch weiß ich eins, ihm gleich wie sich am Paternoster zwei Korallen; Ich nenne euch den Ort, das Haus, ihr habt es um zwei- hundert Gulden,
Dann wüßt' ich einen Herrn, der drum sein halbes Erbe würde schulden.“ Der Täuscher horcht, und stammelt dann: „ich bin ein ganz verarmter Mann!“
„wie, eure prächt'ge Kuppel hin? wie, die ich in den Oster- tagen So frisch das Pflaster stampfen sah? fürwahr, da seyd Ihr zu beklagen!
O, euer Brauner mit dem Stern, der zierlich vor den Damen kniete! O, euer Weißgeborner, dem's wie Funken aus den Nüstern sprühte!“
Der Täuscher hat sich abgewandt, Er zupft am Zaume, ballt die Hand; Und sinnend steht der Schlapphut, mißt mit steifem Blick der Kiste Bohlen,
„herr!“ flüstert er: „schließt eure Faust um blankgerändete Pistolen! Die Stunde zehrt, es schwillt der Mond, bald ist des Jahres Schluß gekommen,
Habt ihr auf euren Zügen denn von der nichts vernommen?“ Der Täuscher blickt verwirrt umher, Und: „die Gesellschaft?“ murmelt er.
„wie, die so manchen braven Mann aus seinen Nöthen hat gezogen Und keinen Heller Zinsen nimmt, zwei Worte nur auf weißem Bogen,
Die euch, und lebt ihr hundert Jahr, mit keiner Mahnung wird beschämen, Die kennt ihr nicht? die kennt ihr nicht? fürwahr, das muß mich Wunder nehmen!“
Der Täuscher horcht, er spricht kein Wort, Und flüsternd fährt der Andre fort: „hört an, wenn in Silvesternacht das Mondlicht steigt in volle Bahnen,
Kein Dach, kein Baum es schatten mag, wenn silbern stehn der Thürme Fahnen, Zum Schleusenthor geht dann hinaus, den Strom zur Rechten, links die Föhren,
Wer euch begegnet — achtet's nicht; wer euch begrüßt — laßt euch nicht stören, Und hinterm Friedhof liegt ein Haus, Ein wenig öde sieht es aus.
Verstorbnen Wuchrers Erb' um das sich sieben Lumpe hitzig streiten, Und drinnen stimmt ein schwaches Licht, ihr seht es freilich nicht von weiten,
Alljährlich nur in dieser Nacht, sonst stehen Thür und Thor verrammelt, In einem Hinterbaue brennts, wo die versammelt;
Ihr trefft sie bis der Hahn gekräht, —“ Der Täuscher wendet sich und geht. Wie trunken schwankt er durch den Hof, schwankt in die buntgefüllte Halle;
Der Kannen Klappen, das Geschrei — ihm ist als ob die Decke falle; Und seufzend löst vom Gürtel er die Lederkatze, und beklommen Läßt er den ärmlichen Gehalt so Stück vor Stück zu Tage kommen;
Dann springt er auf, sein Sporenklang Klirrt trotzig das Gehöft entlang. Doch was er rufen, pfeifen mag, leer ist der Stall, nur aus den Raufen
Hängt wirres Heu wie sträubend Haar, und drunter dam- pfen Strohes Haufen, Nur der Laterne feuchter Docht wirft Flämmchen auf mit leichtem Knallen,
Und läßt ein seltsam zuckend Licht um den gestreckten Rappen fallen, Und in der Fensterscheibe steht Des Mondes bleiche Majestät.
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