Skip to content
1797–1848

Gemüth .

Annette von Droste-Hülshoff

Grün ist die Flur, der Himmel blau, Doch tausend Farben spielt der Thau; Es hofft die Erde bis zum Grabe, Gewährung fiel dem Himmel zu;

Und sprich, was ist denn deine Gabe, Gemüth, der Seele Iris, Du? Du Tropfen Wolkenthau, der sich In unsrer Scholle Poren schlich,

Daß er dem Himmel sie gewöhne An seinem lieblichsten Gedicht, Du irdisch heilig wie die Thräne, Und himmlisch heilig wie das Licht.

Ein Tropfen nur, ein Wiederschein, Doch alle Wunder saugend ein, Ob Perle, dich am Blatte wiegend Und spielend um der Wiege Fuß,

Ob süßer Traum, im Grase liegend Und lächelnd bei des Halmes Gruß. O Erd’ und Himmel lächlen auch, Wenn du, geweckt vom Morgenhauch,

Gleich einem Kinde hebst den weichen Verschämten Mondesblick zum Tag, Erharrend, was die Hand des Reichen Von Glanz und Duft dir geben mag.

Lächle nur, lächle für und für, Des Kindes Reichthum wird auch dir; Dir wird des Zweiges Blatt zur Halle, Zum Sammet dir des Mooses Vließ,

Opale, funkelnde Metalle Wäscht Muschelscherbe dir und Kies. Des kranken Blattes röthlich Grün Drückt auf die Stirn dir den Rubin,

Mit Chrisolithes goldnen Flittern Schmückt deinen Spiegel Kraut und Gras, Und selbst des dürren Laubes Zittern Schenkt dir den bräunlichen Topas.

Und gar, wenn losch das Sonnenlicht, Und um dein eigenstes Gedicht Morgana deines Seees gaukelt, Ein Traum von Licht um deinen Ball

Und zarte Schattenbilder schaukelt, Gefangne Geister im Kristall: Dann schläfst du, schläfst in eigner Haft, Läßt walten die verborgne Kraft,

Was nicht dem Himmel, nicht der Erden, Was Was nie gewesen, nie wird werden, Die Embryone deiner Brust.

O lächle, träume immer zu, Iris der Seele, Tropfen du! Den Wald laß rauschen, im Gewimmel Entfunkeln laß der Sterne Reih’n;

Du hast die Erde, hast den Himmel, Und deine Geister obendrein.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Gemüth . · Annette von Droste-Hülshoff · Poetry Cove