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1797–1848

Erster Gesang .

Annette von Droste-Hülshoff

Die Sonne hat den Lauf vollbracht, Schon spannt sie aus ihr Wolkenzelt; So manche Thrän' hat sie bewacht, So manchem Lächeln sich gesellt;

Um Sel'ge hat ihr Strahl gekräuselt, Wo süß versteckt die Laube säuselt, Und hat die Todtenbahre auch Gesegnet mit dem frommen Hauch;

Nun einmal ihres Schleiers Saum Noch gleitet um der Alpen Schaum, Und in des Schneegestäubes Flaum, Das an Sankt Bernhards Klippe hängt,

Der matte Hauch sich flimmernd fängt. Dort, wo es, aus des Passes Schlunde, Um's Pain de Sucre macht die Runde, Berührt ein menschlich Angesicht,

Fürwahr zum letzten Mal, das Licht. Wie hat der Greis die dürre Hand So fest um seinen Stab gespannt! Und wie er so verkümmert steht,

So ganz verlassen um sich späht, Da ist's als ob, erstaunt zumal, Noch zögern will der letzte Strahl. Schon zog der Aar dem Horste zu,

Und nur die Gems vom Noch einmal pfeift, und schwindet dann. Am Riffe lehnt der alte Mann, Wie auf dem Meere, jüngst ergrimmt,

Einsam noch eine Planke schwimmt. O, du bist immer schön, Natur! Doch dem, der Hertha's Bild gegrüßt, Die Woge bald die Lippe schließt.

Bist Königin vernichtend nur! Der Blitz, der Seesturm, der Vulkan, Sie stehn als Zeugen oben an. Und jener Greis am Felsenrand?

Dem Strahl, der widerprallt im Schnee, Will schützend die besennte Hand Sich vorbaun, an der Braue Höh'. Zum Montblanc hat er lang gesehn,

Und wendet abendwärts den Fuß, Da ihm die Augen übergehn, Daß er vor Kälte weinen muß. Ihm ist wie taub, ihm ist wie blind,

Er spricht gepreßt, und thut's nicht gern: „mein Knabe! Henry! liebes Kind! Schau mal hervor, sind wir noch fern?“ Dann aus des Mantels Falten dicht

Ein Bübchen windet sein Gesicht; Die kleinen Züge schwillt der Hauch, Die rothen Händchen birgt es auch Sogleich, und zieht des Vließes Saum

Sorgfältig um der Stirne Raum, Daß nur der Augen röthlich Licht Durch des Gewandes Spalten bricht. Nun mit den Wimpern zuckt er schnell;

„großvater, schau! wie blitzt es hell!“ Der Alte seufzt: „es blitzt, mein Sohn, Am Himmel nicht um diese Zeit; Es ist die Sonne wohl, die schon

Sich um die letzten Zacken reiht.“ Doch wiederum der Knabe spricht: „großvater! 's ist die Alpe nicht, Es springt und zittert in die Höh',

Wie wenn die Sonne tanzt im See Und spielt in unserm Fensterglas.“ „wo, Henry? Kind, wo siehst du das?“ Ein Aermchen aus der Wolle steigt.

Der Alte senkt das Haupt und schweigt. Nein, nein, das ist kein Hospital! In tausend Funken sprengt den Strahl, Gleich nachtentbranntem Meeres-Drange,

Nur Roche polie Und zögernd schiebt des Greises Hand Den kleinen kalten Arm zurück, Zieht fester um ihn das Gewand.

Er wirft den kummervollen Blick Noch einmal durch die dünne Luft, Auf jeden Fels, in jede Kluft; Dann folgt ein Seufzer, unbewußt,

So schwer wie je aus Mannes Brust, Und langsam abwärts, mit Gefahr, Beginnt er Pfade unwirthbar. — Schmal ist der Raum, die Klippe jäh; —

Zuweilen bietet das Gestein, Ein altergrauer Felsenspalt, Für Augenblicke schwachen Halt. Die Ferse drückt er in den Schnee,

Und stößt des Stabes Stachel ein; Denn eine Zeit gab's, wo im Gau Von Saint Pierre kein Schütz sich fand, Der auf der Jagd, am Alphorn blau,

Dem Benoit gegenüber stand. Kein Aug' so scharf, kein Ohr so fein, So sicher keine Kugel ging. Von all den Kühen er allein

So sorglos an der Klippe hing! Zum letzten Mal dem Meister alt Sich dankbar seine Kunst erzeigt. Gottlob! nun ist die Schlucht erreicht.

Er blickt empor, durch's graue Haupt, Fast von der Kälte sinnberaubt, Noch einmal durch die öde Brust Zieht sich das Bild vergangner Lust,

An der sein ganzes Herz gehangen, Und doppelt fühlt er sich gefangen. In Quarzes Schichten eingezwängt, Durch die der schmale Pfad sich drängt,

Streckt, überbaut von Felsenwucht, Sich lang des Pain de Sucre Schlucht. Kein Laut die todte Luft durchirrt, Kein Lebenshauch ist zu entdecken;

Und, wenn es unversehens schwirrt, Das Schneehuhn kann den Wandrer schrecken. Wo droben schwimmt das Felsendach, An dem der Wintersturm sich brach

Jahrtausende; — doch die Gedanken Verlassen ihn, — er sieht es wanken — Er fördert keuchend seinen Schritt — Und immerfort, in tollem Schwanken,

Ziehn rechts und links die Klippen mit; Daß jener harrt, — sogleich — sogleich — Wie, aus der Lüfte Schwindelreich, Die ungeheure Masse klirrt,

Und er sich schon zerschmettert glaubt, So sehr ihm Furcht die Sinne raubt. In diese wüste Bahn hat jetzt Der müde Mann den Fuß gesetzt,

So schnell es gehn will, fort und fort. Noch immer glühn die Firsten dort, Und abwärts gleiten sieht den Strahl Mit Lust er und mit Graun zumal.

Sobald der Abendsonne Schein Nicht mehr die letzte Zacke badet, In's Hospital ein Glöckchen rein Den Wandrer aus der Steppe ladet.

Und schon am Pointe de Drone das Licht Kaum merklich noch den Schatten bricht. „o Sonne,“ seufzt der müde Greis, „bald bist du hin! der Himmel weiß,

Vielleicht hör' ich die Glocke nicht! —“ Blickt zweifelnd nach den Felsenwällen, An denen mag der Klang zerschellen. Das Kind, das Kind ist seine Noth!

Schon fühlt er, wie, vom Froste laß, Der steife Arm zu gleiten droht; Und ohne Ende scheint der Paß! Ein Thurm ragt an dem andern her,

Es ist, als würden's immer mehr. Dem Himmel Dank, die letzte Klippe! Und als, mit angestrengtem Fleiß, Sich immer näher treibt der Greis,

Was knistert über'm Steingerippe? Am Rande schiebt sich's, zittert, blinkt, Langsam ein weißer Klumpen sinkt; Dann schneller, dann mit jähem Fall,

Entlang die Klüfte tos't der Schall. Und zu des Alten Füßen rollen Schneetrümmer und gesprengte Schollen. Und dieser einen Augenblick

Steht regungslos, mit Schwindel ringt; — So scharf vorüber zog der Tod! Gefaßt er dann zusammenrafft, Was ihm von Wollen bleibt und Kraft.

Und vorwärts nun, mit harter Noth, Er in den Trümmerhaufen dringt. Doch neben, vor und um ihn stemmt Die Masse sich, zum Wall gedämmt.

Mitunter eine Scholle auch In schwachem Gleichgewichte steht, Nur wartend auf den nächsten Hauch, Und aufwärts ihre Kante dreht.

Wenn das Geschiebe sich belebt, Ein Sarkophag, der ihn begräbt! Horch! wie er durch die Zacken irrt, Zuweilen eine Scheibe klirrt;

Ein feines Schwirren — schwaches Rucken — Vor seinen Augen Blitze zucken; Doch immer wieder fügt sich's ein, Und starr die Mauer steht wie Stein.

So muß er, fast in Todesbanden, Wie durch ein Labyrinth sich schmiegen. Es ist vorüber, ist bestanden, Und hinter ihm die Trümmer liegen.

Indeß des Tages matte Zeichen Allmählig von den Kuppen bleichen, Und, nach und nach, am Firmament Des Mondes Lampe still entbrennt;

Verschwimmend, scheu, ihr zartes Licht Malt noch der Dinge Formen nicht. Doch allgemach aus Wolkenschleier Ersteht die klare Scheibe freier.

Die Felsen scheinen sich zu regen, Geflimmer zittert über'n Schnee, Und langsam steigend aus der Höh' Die Schatten auf den Grund sich legen.

Gebeugt, mit angestrengtem Schritt, Aus seiner Schlucht der Wandrer tritt In eine öde Fläche vor. Er steht — er lauscht — er trägt das Ohr

Zur Erde bald und bald empor, Und alle Sinne lauschen mit. Er wendet sich, ob nichts vom Schalle Aus einer andern Richtung falle. —

Nur hohl und zischend sich die Luft In des Gesteines Spalten fängt, Und, mit Geknister, durch den Duft Zu Nacht gefall'ner Flocken drängt.

Der Kälte, die den Stamm zerschellt, Kein Schirm sich hier entgegenstellt. Ach Gott, wohin! ringsum kein Steg, Sich überall die Ebne gleicht.

Doch vorwärts, vorwärts, immer reg', Eh dich im Schlummer Tod beschleicht, Nur immer in die Nacht hinein. Da, durch die Steppe fällt ein Schein,

Wie wenn sich Kerzenschimmer brechen In angehauchten Spiegels Flächen. Und über dieses Meteor Ragt eine Masse dunkel vor.

Gegrüßt, o Stern im Mißgeschicke! Es ist die Drance, es ist die Brücke. Kaum die bekannten Pfade schaut Der Greis, ihm ist wie aufgethaut;

Halb kehrt der Jugend Muth zurück, Er wähnt sich einen Augenblick Für dies und Schlimmres noch genug. Die Brücke naht sich wie im Flug.

Schon hat er rüstig sie beschritten, Schon steht er in der Ebne Mitten, Schon keucht er um des Stromes Bogen: Und vor ihm her die glas'gen Wogen

Durchrollt des Mondes Silbertuch. Vergebens! diese Kraft ist Schein; Mit jedem Hauche sinkt sie ein, Mit jedem Schritte weicht das Blut.

Ach keine Wunder wirkt der Muth! Schon matter wird des Greises Tritt. Das Licht im Strome fliegt nicht mehr, Es wandert zögernd vor ihm her.

Aus den gelähmten Fingern glitt Der Stab und eine weite Strecke In Sätzen prallend von der Decke, Dann lagert er an Stromes Rand.

Hin schleppt der müde Mann den Schritt; Er bückt sich mühsam, welche Qual! Ergreift ihn, der zum dritten Mal Ihm immer gleitet aus der Hand.

Und schwindelnd, bei dem sauren Beugen, Fühlt er das Blut zum Haupte steigen, Sein Aug', von kalten Thränen schwer, Sieht kaum das Allernächste mehr.

Noch tappt er, wo aus dunklem Schaft Die glatte Eisenspitze blinkt. Da weicht des Armes letzte Kraft, Und auf den Schnee das Knäbchen sinkt;

Es rafft sich auf, ergreift den Stab, Gehorsam, leichtem Dienst gewöhnt. „mein Kind! mein Kind!“ der Alte stöhnt, Und nimmt die kleine Last ihm ab,

„was willst du noch zuletzt dich plagen!“ Späht mit der Augen trübem Stern Beklommen durch den nächt'gen Schein; — „du kannst nicht gehn, ich dich nicht tragen,

Und ach! das Hospital ist fern. So müssen wir das Letzte wagen, Und kehren bei den Todten ein.“ Er lenkt die Schritte von dem Strand,

Sein Knäbchen hält er an der Hand. Das Mondlicht, das mit kaltem Kusse Liebkoset dem versteinten Flusse, Gleich links, auf ein Gewölbe klein,

Streut alle seine Schimmer rein, Die, wie sie Wolkenflor umwebt, Bald auf dem Dache, wie belebt, Sich kräuseln, in den Fenstern drehn,

Und bald wie eine Lampe stehn, Die halb der Grüfte Dunkel bricht. So leisten sie die fromme Pflicht Dem, so der Fremde ward zum Raube,

Und bei dem unbeweinten Staube Entzünden sie das Trauerlicht. Ja, diese Mauern, wohl erbaut Mit Christensinn, sie bergen doch,

Wovor des Menschen Seele graut, Wem Blut rollt in den Adern noch. Sie alle, die zum Todesschlaf Sankt Bernhards leiser Odem traf,

Wenn sie nicht Freundes Wort genannt, Nicht Eidgenossen Blick erkannt, An diesen Ort sind sie gebannt. Der Bettler, dem kein Heimathland,

Der Jude, so auf Geld bedacht Gefahrenvollen Weg betrat, Der arme wandernde Soldat, Der Flüchtling vor Gesetzes Macht:

Sie alle liegen hier, wie Tod Aus dieser Wildniß sie entbot. Im Pelze der, im Mantel weit, Und jener im Studentenkleid.

Das tiefe Auge, trüb und offen, Auf liebe Züge scheint zu hoffen; So Zeit auf Zeiten, keine Thräne Rann auf die bleiche Wange noch;

Und ließen treue Kinder doch, Und sind geliebter Eltern Söhne. Die Schwelle kennt der Greis genau, Hier führt ein Steg nach Wallis Gau,

Sein alter Pfad, wenn von der Jagd Er heimwärts manchen Gang gemacht, Ans Fenster pflegt er dann zu treten, Nachdenklich in die Gruft zu sehn,

Und sinnend auch, im Weitergehn, Ein Vaterunser wohl zu beten. Doch vor dem Tode auf der Flucht Erfaßt ihn ungeheures Grauen,

Als tret' er in das eigne Grab Und soll die eigne Leiche schauen. Kaum wehrt er den Gedanken ab. „hinweg! hinweg! so weit der Fuß

Dich trägt“; und unwillkührlich muß Er wenden. Doch da weint das Kind: „großvater! weiter sollen wir? Wir sind ja hier an einer Thür.

Ich kann nicht mehr.“ Verschwunden sind Die Zweifel; mühsam öffnet jetzt Der Greis das Thor, mit Rost versetzt, Tritt in die Wölbung, kauert sich

Dann auf den Boden kümmerlich, Und nimmt an seine Brust den Kleinen. So eine Weile sitzen sie, Der Knabe auf des Mannes Knie

In stummen Schauern an ihn biegend, Der Alte, sich nach innen schmiegend, Das Haupt am feuchten Mauerstein, Und übermüdet, überwacht,

Hat minder der Umgebung Acht; Minuten noch, so schläft er ein. — Schon summt es um ihn wie ein Schwarm, Der Mantel gleitet mit dem Arm;

Und als das Haupt zur Seite sinkt, — „großvater! ist das Glas? es blinkt!“ Der Alte fährt empor, er blickt Verschüchtert seitwärts, unverrückt

Zu Boden dann: „sey still, sey still, Mein Kind, es sey auch was es will.“ Und seufzend fügt er noch hinzu: „es ist so spät! gib dich zur Ruh.“

Doch wie ein Strahl es ihn durchfliegt, Daß Schlaf den Willen fast besiegt. Schon greift der Krampf die Glieder an: Zu reiben gleich beginnt der Mann.

Und als das Blut nun schneller rinnt, Er immer heller sich besinnt, Auch der Gedanke Kraft gewinnt. Was war es, das, vom Schlaf erwacht

So in Verwirrung ihn gebracht? Es war ein Blitz, es war ein Licht! Und dennoch war es beides nicht. Indessen har das Knäbchen leis'

Die beiden Aermchen ausgestreckt, Und aus des Mantels Huth mit Fleiß Den kleinen Kopf hervorgesteckt. Das Schlummern will ihm nicht gelingen;

Die Langeweile zu bezwingen Am Mantel nestelt's immerfort, Schaut unverrückt nach einem Ort, Bald gähnend, bald mit halbem Wort.

„ja!“ flüstert's, vor Ermattung roth, Die Händchen in des Mantels Tasche, „dort steht das Glas, und dort die Flasche, Und auf dem Tische liegt das Brod.“

Dann zieht es sacht den Mantel los; Es gleitet von des Alten Schooß, Es taucht in's Dunkel. Auf sich rüttelnd Aus wüster Träumereien Graus,

„henry! mein Kind!“ ruft jener aus, Das graue Haupt verdrossen schüttelnd, „wo bist du nur? komm wieder, Sohn!“ Dort glänzen seine Löckchen schon!

Was reicht und streicht es an der Wand? An's Auge hebt der Greis die Hand: Fürwahr! nach einem Brode sucht Der kleine Arm hinauf zu langen;

Und nebenan sich Schimmer reihn, Bald roth, bald grün, wie sie gefangen Im Glase dort, und dort im Wein. O unverhoffter Segen! Schon

Vom Boden taumeln sieh den Alten. „laß, du vermagst es nicht zu halten, Laß ab!“ Es zittert jeder Ton, Der aus bewegter Brust sich windet,

Und kaum im Odem Nahrung findet. Die Glieder, so in Frost und Qual Ihn treulich trugen durch die Steppen, Kaum vorwärts weiß er sie zu schleppen

Bis hin, wo harrt das karge Mahl. Er faßt das Brod und kann's nicht theilen, Und stöbert, sucht mit wirrem Eilen In allen Taschen, allen Falten,

Selbst in der Stiefel engen Spalten. „hab' ich mein Messer denn verloren?“ Die Rinde bricht, sie ist noch warm. „nun iß, nun trink, mein Würmchen arm!

O, kam ich eher um zwei Stunden! Um eine einz'ge Stunde nur!“ Die Mönche hätt' er noch gefunden; Dies ist des Hospitales Spur.

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