's ist Abend, und des Himmels Schein Spielt um Westphalens Eichenhain, Gibt jeder Blume Abschiedskuß, Und auch dem Weiher linden Gruß,
Der ihm mit seinen blanken Wellen Will tausendfach entgegen schwellen. Am Ufer Wasserlilien stehn, Und durch das Schilf Gesäusel gehn,
Wie Kinder, wenn sie, eingewiegt, Verfallen halb des Schlafes Macht, Noch einmal flüstern: „Gute Nacht!“ Es ist so still; die Ebne liegt
So fromm, in Abendduft gehüllt, Der Wittwe gleich in Trauer mild, Die um sich zieht den Schleier fein, So doch nicht birgt der Thränen Schein.
Am Horizont das Wolkenbild, Ganz, wie ihr Sinnen, zuckend Licht, Das bald sich birgt, bald aufwärts bricht, Phantastisch, fremd, ein Traumgesicht.
Seh ich dich so, mein kleines Land, In deinem Abendfestgewand: Ich meine, auch der Fremdling muß Dir traulich bieten Freundesgruß.
Du bist nicht mächtig, bist nicht wild, Bist deines stillen Kindes Bild, Das, ach, mit allen seinen Trieben Gelernt vor Allem dich zu lieben!
So daß auch keines Menschen Hohn, Der an des Herzens Fäden reißt, Und keine Pracht, wie sie auch gleißt, Dir mag entfremden deinen Sohn.
Wenn neben ihm der Gletscher glüht, Des Berges Aar sein Haupt umzieht, Was grübelt er? Er schaut nach Norden! Und wo ein Schiff die Segel bläht
An würzereichen Meeresborden, Er träumerisch am Ufer steht. Ich meine, was so heiß geliebt, Es darf des Stolzes sich erkühnen.
Ich liebe dich, ich sag' es laut! Mein Kleinod ist dein Name traut. Und oft mein Auge ward getrübt, Sah ich in Südens reichen Zonen,
Erdrückt von tausend Blumenkronen, Ein schüchtern Haidekräutchen grünen. Es wär' mir eine werthe Saat, Blieb ich so treu der guten That,
Als ich mit allen tiefsten Trieben, Mein kleines Land, dir treu geblieben! So sey dir alles zugewandt, Mein Geist, mein Sinnen, meine Hand,
Zu brechen die Vergessenheit, Der rechtlos dein Geschick geweiht. Wacht auf ihr Geister früher Zeit! Und mögt an jenen Himmelsstreifen
Ihr Schatten gleich vorüber schweifen. Wacht auf, wacht auf, der Sänger ruft! Und sieh, es steigt am Wolkensaum, Noch scheu und neblig wie ein Traum,
Es schwillt und wirbelt in der Luft, Und nun wie Bienenschwarm gescheucht Es stäubend aus einander fleucht: Ich sehe Arme, Speeres Wucht,
Ich sehe Nahen, sehe Flucht, Und gleich entfernten Donners Grollen Hör' ich es leise zitternd rollen. Ihr seyd's, ihr bracht den langen Schlaf!
Der tolle Herzog!1 Anholts Graf!2 Es war im Erntemond, ein Tag Gleich diesem auf der Landschaft lag, Wo Windes Odem, süß und reg',
Hielt mit den Zweigen Zwiegespräch, Der letzte einer langen Reihe, Voll Glaubenswuth und Todesweihe, Da, ach! um Lehren, liebereich,
Gefochten ward den Wölfen gleich. 's war eine thränenschwere Zeit Voll bittrer Lust und stolzem Leid, Wo schwach es schien den Todten klagen,
Wo so verwirrt Gesetz und Recht, So ganz verwechselt Herr und Knecht, Daß selbst in diesen milden Tagen, Da klar und friedlich jeder Blick,
Nicht Einer ist, so möchte sagen: Der ward allein um Schuld geschlagen, Und der allein durch Mißgeschick. Das Recht, es stand bei jedem Hauf,
Und schweres Unrecht auch vollauf, Wie sie sich wild entgegen ziehn, Hier für den alten Glauben kühn, Und dort für Luther und Calvin.
Fast dreißig Jahre sind entschwunden, Und noch kein Ende ist gefunden: Es rollt der Rhein die dunklen Wogen, Durch brandgeschwärzter Trümmer Graus;
Da ist kein Schloß, kein niedres Haus, Das nicht, vom Wetter schwer umzogen, Von Freund und Feinde gleich geplagt, Dem Wurf der nächsten Stunde zagt.
O Tilly,3 deine blut'ge Hand Hat guter Sache Schmach gespendet! Wohin dein buschig Aug' sich wendet, Ein Kirchhof wird das weite Land.
Ständ' nicht so mild in deiner Näh', Ein Pharus an ergrimmter See, Der fromme Anholt, dessen Wort So gern den Irren ruft zum Port
Und mag den Strandenden geleiten, Du wärst ein Fluch für alle Zeiten! Doch wo der tolle Braunschweig sengt, Da ist die Gnade gar verdrängt,
Wenn, des Corsaren Flagge gleich, Sein Banner weht im Flammenreich, Sein Banner, rothen Blutes helle, Mit
Die Kirchen ihres Schmuckes baar, Die Priester am Altar erschlagen, Sie können ohne Worte sagen, Daß hier der tolle Herzog war.
So diese stille Gegend auch In ihrem Abendfriedenhauch; Sie ruht, doch wie in Schreck erstarrt, Und todtbereit des Schlages harrt.
Noch hat die Flur kein Feind betreten, Noch zittert nur die fromme Luft Vom Klang der Glocke, welche ruft Die Klosterfrauen zu Gebeten,
Wo dort aus dichter Buchen Kranz Sich Meteln4 hebt im Abendglanz. Ach, mancher Seufzer quillt hinauf! Und stöhnend manche Stimme bricht
Der schonungslosen Hora Pflicht. Bei jeder Pause horcht man auf: Und dann die Melodie sich hebt, So angstvoll wie die Taube bebt,
Wenn über ihr der Falke schwebt. Ein Landmann, heimgekehrt vom Pfluge, Hat alle Sinne aufgestört; Er glaubte in des Windes Zuge
Zu horchen wüster Stimmen Schall, Und war es Furcht was ihn bethört, Doch hatte jedes Ohr gehört Des donnernden Geschützes Hall.
Es ist gewiß, sie sind bedroht, Die Hülfe fern und groß die Noth. Und hier an diesem Weiher klar Saß damals kleiner Mädchen Schaar;
Nichts wußten die von Furcht und Scheu, Und spielten an dem Borde frei. Sie warfen flacher Steinchen Scheiben, Die tanzend blanke Tropfen sprühn;
Dann pflückten Blumen sie und Grün, Und sah'n sie mit den Wellen treiben, Und schauten in den Spiegel ein, Und ordneten die Mützchen fein;
Denn sey ein Mädchen noch so klein, Es mag sich gerne zierlich wähnen. Auch haschten sie nach den Phalänen, Die summend kreisen über'n Teich.
Es war ein holdes Friedensreich, Der grüne Bord, die leisen Wellen Und diese tändelnden Gesellen. Doch still! — Die Mädchen schauern auf. —
Was steigt dort hinterm Dickicht auf? Es stampft und knackt, es schnaubt und klirrt, Dazwischen es wie Sensen schwirrt. Schau, in das Ufer dichtumbuscht,
Ist schnell die kleine Schaar gehuscht. Und immer näher trabt es an, Und immer heller schwirrt's heran. Nun sind sie da, ein starker Troß,
In Eisen starrend Mann und Roß; Die Rüstung wohl des Glanzes baar, Und manche Klinge schartig war, Bevor sie kamen hier zur Stell'.
Sie sprengen an den Weiher schnell, Dann mühsam beugend über'n Rand Das Wasser schöpfen mit der Hand. Und tief die heißen Nüstern tauchen,
Die Rosse, Gras und Binsen rauchen, Man hört des Odems schweren Drang, Und Worte fallen sonder Klang, Als wollten sie in heis'ren Tönen
Hervor die müde Seele stöhnen. Dort einer klirrt den Rain entlang Zur Seite abgewendet schier, Ein Andrer hält sein schnaubend Thier,
An seinem Hut ein Handschuh steckt Vom Reiherbusche halb verdeckt; Die Federn hangen drüber her, Geknickt, von rothen Tropfen schwer.
Nun baarhaupt einen Augenblick, Die Locken schiebt er wild zurück: Nie sah man in so jungen Zügen So tiefen Grolles Spuren liegen;
Ja, als er ob der Welle beugt, v. Droste-Hülshof, Gedichte. 32 Wo ihm sein Bild entgegen steigt, Man meinte diese Zweie gleich,
Sie müßten fassen sich am Teich. Lang schlürft er, gierig, tief geneigt, Nun faßt den Zaum die Eisenfaust, Und nun voran! Die Haide saus't,
Das Laub von dem Gezweige stäubt Wie sich der Zug vorüber treibt, Und aufgejagten Sandes Wellen Sich lagern erst an fernen Stellen.
Sie sind dahin — des Hufes Spur Blieb am zerstampften Weiher nur. Doch in der Haide Nebelweiten Wie Vögelschwärme sieht man's gleiten;
Es wimmelt längs der Wolkenbahn, Und wie die Eisenmänner nahn, Ein summend Jauchzen, hörbar kaum, Verzittert in der Ebne Raum.
Und nun verschwimmt's im Nebelthau, Und wieder ist der Himmel blau, Und wieder friedlich liegt das Land. Doch schon an Horizontes Rand
Steigt hier und dort ein wallend Roth: O wehe! das Panier der Noth! O wehe! wehe! Mord und Brand! Und durch die Ebne, halb wie Zagen
Und halb wie Jauchzen, geht ein Schrei: „der tolle Braunschweig ist geschlagen! Der tolle Herzog floh vorbei!“ Wohl ist er toll, wohl ist er schlimm,
Ein Tigerthier in seinem Grimm; Und doch so mancher edle Keim, War einst in dieser Brust daheim, Als noch an Vaters Hof den Knaben
Sein heimlich Sinnen durfte laben, Wenn er, dem Zwange schlau entzogen, In seinem Mark die junge Glut, Von der Gefährten Schaar umflogen
Die höchsten Zweige klimmend bog, Des Sturmes Odem gierig sog, Und dann ertappt, o schnöde Pein! Die Strafe willig trug allein.
Für einen Freund gäb' er sein Blut! Es war ein stolzer, frischer Stamm, Der siechte in des Hofes Schlamm; Denn damals man wie heute that,
Und zog nicht die Natur zu Rath: Man heischte von der Ceder Wein. Fest stand der Schluß, und schon genannt Das Bisthum ward, das zuerkannt
Dem Knaben, wenn der Jahre Lauf Die reife Stunde trüg' herauf. So konnt' es wohl nicht anders seyn, Die edlen Säfte mußten gähren,
Zum Mark die Thräne siedend kehren, Und Keinem trauend, Keinem hold, Der junge Prinz des Herzens Gold Zu schnöden Schlacken ließ verglimmen.
Doch weiß die Sitte er zu stimmen, Wie es gebeut des Hofes Ton, Und Keiner sah den bittern Hohn; Die Mutter lobt den klugen Sohn,
Ob von der Wespe Stiche gleich Galläpfel trägt der bunte Zweig. Was will man mehr? So wächst er auf, Und nach dem wohlbeschloßnen Lauf,
Fürwahr! die Inful nimmt er auch. Und Keiner sah sein blitzend Aug', Und sah, wie krampfhaft seine Hand Des Hirtenamts Symbol umspannt'.
Gemacht zum Priester, meinte man, Hab' ihn nicht eben die Natur, Doch Tugend setze Alter an Dem Geist, wie Rost dem blanken Stahl:
Kurz Jeder war vergnügt der Wahl. Und Vaters Augen bald nachher In Frieden auch geschlossen sind, Sein letzter Seufzer war nicht schwer,
Er klagte kein verlornes Kind; Sind ewig denn die Fürsten blind? — Indessen dringt das Kriegsgeschrei, Und immer näher dringt's herbei;
Wie schlummert noch der junge Leu? Träumt er die edlen Stunden hin? O Böhmens schöne Königin!5 Aus deinen Augen fällt ein Strahl,
Da zucken seine Brau'n zumal. Er springt empor, die Mähne schüttelnd, An seiner Kette grimmig rüttelnd; Sie bricht, und aus der langen Haft
Verdoppelt stürmt die wilde Kraft. O Frau! bethört von Stolzes Trug,6 Der nicht ein Fürstenhut genug, Du hast geweckt den schlimmsten Leu'n,
Der Himmel mag es dir verzeihn! Sie sah so sanft, man sollte wähnen, Dies Auge, um des Thieres Noth, Vergießen müss' es fromme Thränen,
Und ihrer lichten Wangen Roth Schien so verschämt, als könne sie Dem Manne seh'n in's Auge nie. Wohl öfters wie ein Blitz es zog
Durch ihr Gesicht, dann war sie hoch, Und aller Frauen Kaiserin: Doch nichts verrieth den harten Sinn, Der sich durch tausend Leichenhaufen
Ein schnödes Zepter will erkaufen. Doch war es so; seit den Gemahl Von Böhmens Ständen traf die Wahl, That sie sich heimlich diesen Schwur,
Als Königin zu sterben nur; Und Keiner in der Zeiten Drang Gleich ihr des Aufruhrs Fahne schwang. Sie fand die tief versteckte Spur,
Die Herzens Beben mochte künden, Das, ach! an ihrem Odem hing. Sie war gemacht, es zu ergründen, Und nie umsonst sah sie ein Ding.
Daß sie ihn liebte sag' ich nicht, Sie wahrte treu der Gattin Pflicht. Zwar durft' er ihren Handschuh tragen, Das war nicht viel in jenen Tagen,
Ein Spiel, nicht von Bedeutung gar. Doch edel war er, das ist wahr! Und jung, und da er liebte, auch Verklärt von süßer Flamme Hauch.
Sein Gang war adelig, gewandt, Vor Allem zierlich Fuß und Hand: Vom Antlitz wich der bittre Hohn Jetzt träumerischer Schwermuth Thron;
Und zuckt unheimlich es zusammen, Sie wußte ja, es war um sie; Wird eine Frau ihn drum verdammen? Ich weiß es nicht und glaub' es nie.
Kurzum, er wirft die Inful fort Und greift zum Schwert; ein Panzer hüllt Die Brust von trüber Glut erfüllt, So harrend auf der Herrin Wort;
Denn dienen kann ein Fürstensohn Nur Frauen, Keinem sonst um Lohn. — Was soll von diesem Zug' ich künden? Das Schiff nur segelt mit den Winden,
Und ohne Nahrung stirbt die Glut, Nichts ohne Glück vermag der Muth. Das war für ihn ein schwerer Tag, Als nieder Böhmens Banner lag!
Er gab es nicht, es ward entwandt Der noch zum Kampf bereiten Hand, Durch jener Wort, die ihn gesendet; Sie schrieb: „Fahrt wohl! Wir müssen fliehn,
Als Heimathlose fürder ziehn; Legt hin das Schwert! Es war zu kühn, Das Königsspiel es ist geendet.“ Ja, Böhmens Banner ist verloren,
Doch nicht sein Schwert! Er hat geschworen, Nicht rasten will er Nacht und Tag, Bis es die Schmach der Herrin brach. Soll reuig an die Brust er schlagen?
Soll wieder seine Inful tragen? Noch weiß er, weiß noch einen Mann, Den auch Geschick nicht beugen kann, Obwohl er tief und grimmig fühlt.
Für einen Abenteurer hielt Er ihn bis jetzt; doch mag es seyn! Auch ihn verließ der Sonne Schein. Ein Fürst, ein Feldherr war er schon,
Und jetzt? Fortunens kecker Sohn! So geh' es denn auf eigne Hand! Und bald um seinen Führer stand Ein Heer, vom Reiche ausgestoßen,
Landstreicher, flüchtige Matrosen, Manch' Räuber auch, entfloh'n dem Rad, Und wen geächtet sonst der Staat. „so recht! so recht!“ der Braunschweig lacht,
Denn ihn auch träf' des Reiches Acht. Und vor dem Mansfeld7 tritt er auf, Die Hand ihm bietend: „Nun wohlauf! Gesell, wir müssen uns vereinen,
So mag die Sonne wieder scheinen. Mein Heer, ein wenig bunt und klein, Allein geächtet: also mein.“ Und schallend schlug der Mansfeld ein.
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