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1797–1848

Die Krähen.

Annette von Droste-Hülshoff

Heiß, heiß der Sonnenbrand Drückt vom Zenith herunter, Weit, weit der gelbe Sand Zieht sein Gestäube drunter;

Nur wie ein grüner Strich Am Horizont die Föhren; Mich dünkt, man müßt' es hören, Wenn nur ein Kranker schlich.

Der blasse Aether siecht, Ein Ruhen rings, ein Schweigen, Dem matt das Ohr erliegt; Nur an der Düne steigen

Zwei Fichten, dürr, ergraut — Wie Trauernde am Grabe — Wo einsam sich ein Rabe Die rupp'gen Federn kraut.

Da zieht's in Westen schwer Wie eine Wetterwolke, Kreis't um die Föhren her Und fällt am Haidekolke;

Und wieder steigt es dann, Es flattert und es ächzet, Und immer näher krächzet Das Galgenvolk heran.

Recht, wo der Sand sich dämmt, Da lagert es am Hügel; Es badet sich und schwemmt, Stäubt Asche durch die Flügel

Bis jede Feder grau; Dann rasten sie im Bade, Und horchen der Suade Der alten Krähenfrau,

Die sich im Sande reckt, Das Bein lang ausgeschossen, Ihr eines Aug' gefleckt, Das andre ist geschlossen;

Zweihundert Jahr und mehr Gehetzt mit allen Hunden, Schnarrt sie nun ihre Kunden Dem jungen Volke her:

„ja, ritterlich und kühn all sein Gebahr! Wenn er so herstolzirte vor der Schaar, Und ließ sein bäumend Roß so drehn und schwenken, Da mußt ich immer an Sanct Görgen denken,

Den Wettermann, der — als am Schlot ich saß, Ließ mir die Sonne auf den Rücken brennen — Vom Wind getrillt mich schlug so hart, daß baß Ich es dem alten Raben möchte gönnen,

Der dort von seiner Hopfenstange schaut, Als sey ein Baum er und wir andern Kraut! — „kühn war der Halberstadt, das ist gewiß! Wenn er die Braue zog, die Lippe biß,

Dann standen seine Landsknecht' auf den Füßen Wie Speere, solche Blicke konnt er schießen. Einst brach sein Schwert; er riß die Kuppel los, Stieß mit der Scheide einen Mann vom Pferde.

Ich war nur immer froh, daß flügellos, Ganz sonder Witz der Mensch geboren werde: Denn nie hab' ich gesehn, daß aus der Schlacht Er eine Leber nur bei Seit' gebracht.

„an einem Sommertag, — heut sind es grad Zweihundert fünfzehn Jahr, es lief die Schnat Am Damme drüben damals bei den Föhren — Da konnte man ein frisch Drometen hören,

Ein Schwerterklirren und ein Feldgeschrei, Radschlagen sah man Reuter von den Rossen, Und die Kanone fuhr ihr Hirn zu Brei; Entlang die Gleise ist das Blut geflossen,

Granat' und Wachtel liefen kunterbunt Wie junge Kibitze am sand'gen Grund. „ich saß auf einem Galgen, wo das Bruch Man überschauen konnte recht mit Fug;

Dort an der Schnat hat Halberstadt gestanden, Mit seinem Sehrohr streifend durch die Banden, Hat seinen Stab geschwungen so und so; Und wie er schwenkte, zogen die Soldaten —

Da plötzlich aus den Mörsern fuhr die Loh', Es knallte, daß ich bin zu Fall gerathen, Und als Kopfüber ich vom Galgen schoß, Da pfiff der Halberstadt davon zu Roß.

„mir stieg der Rauch in Ohr und Kehl', ich schwang Mich auf, und nach der Qualm in Strömen drang; Entlang die Haide fuhr ich mit Gekrächze. Am Grunde, welch' Geschrei, Geschnaub', Geächze!

Die Rosse wälzten sich und zappelten, Todtwunde zuckten auf, Landsknecht' und Reuter Knirschten den Sand, da näher trappelten Schwadronen, manche krochen winselnd weiter,

Und mancher hat noch einen Stich versucht, Als über ihn der Baier weggeflucht. „noch lange haben sie getobt, geknallt, Ich hatte mich geflüchtet in den Wald;

Doch als die Sonne färbt' der Föhren Spalten, Ha welch ein köstlich Mahl ward da gehalten! Kein Geier schmaußt, kein Weihe je so reich! In achtzehn Schwärmen fuhren wir herunter,

Das gab ein Hacken, Picken, Leich' auf Leich — Allein der Halberstadt war nicht darunter: Nicht kam er heut', noch sonst mir zu Gesicht, Wer ihn gefressen hat, ich weiß es nicht.“

Sie zuckt die Klaue, krau't den Schopf, Und streckt behaglich sich im Bade; Da streckt ein grauer Herr den Kopf, Weit älter, als die Scheh'razade.

„ha,“ krächzt er, „das war wüste Zeit, — Da gab's nicht Frauen, wie vor Jahren, Als Ritter mit dem Kreuz gefahren, Und man die Münster hat geweiht!“

Er hustet, speit ein wenig Sand und Thon, Dann hebt er an, ein grauer Seladon:

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