Skip to content
1797–1848

Das verlorne Paradies.

Annette von Droste-Hülshoff

Die Ros’ auch lächelt selig, doch wie lange? Hüte dich vor der Schlange! — Am grauen Horizonte murrend stand Der ersten Donnerwolke düstrer Rand,

Am Rosenstrauche fiel die erste Thräne, Und drüben weint der Nachtigall Gestöhne. Wär’ dies das Bild von gestern, dieser Leib Verhüllt in Blätterschutz? ein arges Weib!

Das Auge, kündend ein verbotnes Wissen, Wie scheint so heiß und hart des Mooses Kissen, Wie dunsterfüllt des Paradieses Prangen, Und wie so seltsam brennen ihre Wangen.

Fest hielt den vollen Rosenzweig sie, fest Wie der Versinkende die Binse preßt, Oder sein Lieb ein glüh Verlangen. Ob sie entschlief? — Wohl endlich hat die Nacht

Ihr Ruhe, bleiernschweren Schlaf gebracht; Der Regenguß, er hat sie nicht erweckt, Des Donners Rollen sie nicht aufgeschreckt, Ihr Haar nur flatterte im Windestosen,

Und ihr am Busen zitterten die Rosen; Wie eine Leiche lag sie schmerzlich mild, Zum erstenmal im Schlaf des Todes Bild; Und als am Morgen sie die Wimper hob,

Und zuckend von der Brust die Zweige schob, Da war all ihrer Wangen lichter Schein Gezogen in der Blumen Rund hinein, In glüher Sehnsucht alle aufgegangen,

Zum Kusse öffnend all’ den üpp’gen Mund; Und Heva kniete weinend, ihre Wangen Entfärbt, und ihre Brust von Dornen wund.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Das verlorne Paradies. · Annette von Droste-Hülshoff · Poetry Cove