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1822

Am Grünendonnerstage

Annette von Droste-Hülshoff

O Wundernacht, ich grüße! Herr Jesus wäscht die Füße, Die Luft ganz stille stand, Man hört den Atem hallen

Und wie die Tropfen fallen Von seiner heil'gen Hand. Da Jesus sich tut beugen, Ins tiefe Meer sich neigen

Wohl Inseln diesem Gruß. Ist er so tief gestiegen, So muß ich ewig liegen Vor meines Nächsten Fuß.

Herr, ob sich gleich betöret Die Seele mein empöret Vor aller Niedrigkeit, Daß ich vielmehr mein Leben

In Qualen aufzugeben Für deinen Ruhm bereit: So gib, daß ich nicht klage, Wenn du in meine Tage

Hast alle Schmach gebannt, Laß brennen meine Wunden, So du mich stark befunden Zu solchem harten Stand!

O Gott, ich kann nicht bergen, Wie angst mir vor den Schergen, Die du vielleicht gesandt, In Krankheit oder Grämen

Die Sinne mir zu nehmen Zu töten den Verstand! Es ist mir oft zu Sinnen, Als wolle schon beginnen

Dein schweres Strafgericht, Als dämmre eine Wolke, Doch unbewußt dem Volke, Um meines Geistes Licht.

Doch wie die Schmerzen schwinden, Die mein Gehirn entzünden, So flieht der Nebelduft, Und mit geheimem Glühen

Fühl' ich mich neu umziehen Die frische starke Luft. Mein Jesu, darf ich wählen, Ich will mich lieber quälen

In aller Schmach und Leid, Als daß mir so benommen, Ob auch zu meinem Frommen, Die Menschenherrlichkeit.

Doch ist er so vergiftet, Daß es Vernichtung stiftet, Wenn er mein Herz umfleußt, So laß mich ihn verlieren,

Die Seele heimzuführen, Den reichbegabten Geist. Hast du es denn beschlossen, Daß ich soll ausgegossen

Ein tot Gewässer stehn Für dieses ganze Leben, So will ich denn mit Beben An deine Prüfung gehn.

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