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1797–1848

6. Johannisthau.

Annette von Droste-Hülshoff

Es ist die Zeit nun, wo den blauen Tag Schon leiser weckt der Nachtigallen Schlag, Wo schon die Taube in der Mittagsgluth Sich trunkner, müder breitet ob der Brut,

Wo abends, wenn das Sonnengold zergangen, Verlorner Funke irrt, des Wurmes Schein, An allen Ranken Blütenbüschel hangen, Und Düfte zieh’n in alle Kammern ein.

„weck’ mich zur rechten Zeit, mein Kamerad, Versäumen möcht’ ich Sanct Johannis Bad Um Alles nicht; ich hab’ das ganze Jahr Darauf gehofft, wenn mir so elend war.

Jerome, du mochtest immer gut es meinen, Bist auch, wie ich, nur armer Leute Kind. Doch hast du klare Augen und die Deinen, Und ich bin eine Waise und halb blind!

Hat schon der Hahn gekräht? ich hab’s verfehlt; Oft schlaf’ ich fest, wenn mich der Schmerz gequält. Ob schon die Dämmrung steigt, ich seh’ es nicht, Mir fährt’s wie Spinneweben am Gesicht;

Doch dünkt mich, hör’ im Walde ich Gebimmel Und Peitschenknall; was das für Fäden sind, Die mir am Auge schwimmen? lieber Himmel, Ich bin nicht halb, ich bin beinah’ schon blind.

Hier ist der Steg am Anger, weiter will Ich mich nicht wagen, hier ist Alles still, Und Thau genug für Kranke allzumal Des ganzen Weilers, eh’ der Sonnenstrahl

Mit seinem scharfen Finger ihn gestrichen Und aufgesogen ihn der Morgenwind; Doch ist kein Zweiter wohl hieher geschlichen; Denn, Gott sei Dank, nur Wenige sind blind.

Das ist ein Büschel — nein — doch Ich fühle meine Finger kalt und naß; Johannes, heiliger Prophet, ich kam In deinem werthen Namen her und nahm

Von jenem Thaue, den im Wüstenbrande Die Wolke dir geträufelt, lau und lind, Daß nicht dein Auge in dem heißen Sande, Nicht dein gesegnet Auge werde blind.

Gepredigt hast du in der Steppengluth — So weißt du auch, wie harte Arbeit thut; Doch arm und nicht der Arbeit fähig sein, Das ist gewiß die allergrößte Pein.

Du hast ja kaum geruht in Mutterarmen, Warst früh ein elternlos, verwais’tes Kind, Woll’ eines armen Knaben dich erbarmen, Der eine Waise ist wie du, und blind!“

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