Der Mai ist eingezogen, Schon pflanzt’ er sein Panier Am dunklen Himmelsbogen Mit blanker Sterne Zier.
Die wilden Wasser brausen Und rütteln aus den Klausen Rellmaus und Murmelthier. „ob wohl das Gletschereis den Strom gedämmt?
Von mancher Hütte geht’s auf schlimmen Wegen, Der Sturm hat alle Firnen kahl gekämmt, Und gestern wie aus Röhren schoß der Regen. Adieu, Jeanette, nicht länger mich gehemmt!
Adieu, ich muß, es gilt den Maiensegen; Wenn vier es schlägt im Thurme zu Escout, Muß jeder Senner stehen am Pointe de Droux.“ Wie trunken schau’n die Klippen,
Wie taumelnd in die Schlucht! Als nickten sie, zu nippen Vom Sturzbach auf der Flucht. Da ist ein rasselnd Klingen,
Man hört die Schollen springen, Und brechen an der Bucht. Auf allen Wegen zieh’n Laternen um Und jedes Passes Echo wecken Schritte.
Habt Acht, habt Acht, die Nacht ist blind und stumm, Die Schneefluth fraß an manches Blockes Kitte; Habt Acht, hört ihr des Bären tief Gebrumm? Dort ist sein Lager an des Riffes Mitte;
Und dort die schiefe Klippenbank, fürwahr! Sie hing schon los am ersten Februar. Nun sprießen blasse Rosen Am Gletscherbord hervor,
Und mit der Dämmrung kosen Will schon das Klippenthor; Schon schwimmen lichte Streifen, Es lockt der Gemse Pfeifen
Den Blick zum Grat empor. Verlöscht sind die Laternen, und im Kreis Steht eine Hirtenschaar auf breiter Platte, Voran der Patriarch, wie Silber weiß
Hängt um sein tiefgebräunt Gesicht das glatte, Gestrählte Haar, und Alle beten leis Nach Osten schauend, wo das farbensatte Rubingewölk mit glitzerndem Geroll
Die stolze Sonnenkugel bringen soll. Da kommt sie aufgefahren In strenger Majestät, Und von den Firnaltaren
Die Opferflamme weht: Da sinken in der Runde So Knie an Knie, dem Munde Entströmt das Maigebet:
„herr Gott, der an des Maien erstem Tag Den Strahl begabt mit sonderlichem Segen, Den sich der sünd’ge Mensch gewinnen mag In der geweihten Stunde, allerwegen,
Segne die Alm, segne das Vieh im Hag, Mit Luft und Wasser, Sonnenschein und Regen, Durch Sanct Anton, den Siedler, Sanct Renee, Martin von Tours und unsre Frau vom Schnee.
Segne das Haus, das Mahl auf unserm Tisch, Am Berg den Weinstock und die Frucht im Thale, Segne die Jagd am Gletscher, und den Fisch Im See, und das Gethiere allzumale,
So uns zur Nahrung dient, und das Gebüsch, So uns erwärmt, mit Thau und Sonnenstrahle Durch Sanct Anton, den Siedler, Sanct Remy, Sanct Paul und unsre Fraue von Clery.
Wir schwören — alle Hände steh’n zugleich Empor, — wir schwören keinen Gast zu lassen Von unserm Heerd, eh sicher Weg und Steig, Das Vieh zu schonen, keinen Feind zu hassen,
Den Quell zu ehren, Recht an Arm und Reich Zu thun und mit der Treue nicht zu spaßen. Das schwören wir beim Kreuze zu Autun Und unsrer mächt’gen Fraue von Embrun.“
Da über’m Kreise schweben, Als wollten sie den Schwur Zum Himmelsthore heben, Zwei Adler; auf die Flur
Senkt sich der Strahl vom Hange, Und eine Demantschlange Blitzt drunten der Adour. Die Weiden sind vertheilt, und wieder schallt
In jedem Passe schwerer Tritte Stampfen. Voran, voran, die Firnenluft ist kalt, Und scheint die Lunge eisig zu umkrampfen. Nur frisch voran — schon seh’n sie über’m Wald
Den Vogel zieh’n, die Nebelsäule dampfen, Und wo das Riff durchbricht ein Klippengang Summt etwas auf wie ferner Glockenklang. Da liegt das schleierlose
Gewäld in Sonnenruh’, Und wie mit Sturmgetose Dem Aethermeere zu, Erfüllt des Thales Breite
Das Angelusgeläute Vom Thurme zu Escout.
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