Schauerndes Lüftchen! woher? Trüb ist der Tag. In dem entblätterten Haine Weder Kehle noch Fittig. Kein Schwan berudert den Teich. Voll der Winterbilder sitz' ich einsam
Auf mein Saitenspiel gelehnet, Da kömmst du, Lüftchen! schwirrest mir So kläglich, so kläglich die Saiten hindurch. Ist es nicht Hauch des Grabes?
Ist es nicht Sterbeton? Hat uns ein Held, ein Barde verlassen? Schauerndes Lüftchen! woher? Von dem Gestade der düsteren Pleiße
Komm' ich, o Barde! zu dir. Dort hab' ich geflattert Um Gellerts Grab. In Blumen konnt' ich nicht seufzen; Noch öde steht, bis ihn der Lenz
Mit Blumen deckt, des Grabes Hügel. Ich hab' in blätterlosen Sträuchern Umher geseufz't. Lüftchen, genug! Kein stürmender Nord
Soll dich verschlingen, zärtlicher Trauerbot'! Und ihr hinab, Saiten! hinab Zur dumpfen, grabetiefen Todesklage! Er ist hin, euer Lehrer, Kinder Teuts!
Er ist hin, euer Führer, Bardenchöre! Er ist hin, dein Verkünder, Tugend! Deine Freude, Jüngling! Mädchen! deine Lust. In der Pleiße Rauschen
Quollen seine Lieder. Ach, die Pleiße rauschet; Aber nimmer, nimmer Quillt von ihm ein Lied darein!
Seufzet, Ufer! Blumen an den Ufern Erlenschatten an den Ufern! Nimmer, nimmer quillt von ihm ein Lied darein!
Vom Tannenberge wälzet sich manch' trüber Gießbach Und nun entspringt am Fuße des Berges Ein laut'rer, himmelheller Quell. Schnell hüpfen die Kinder des Waldes
Vom trüben Gießbach', und trinken den Quell: So zogst du die dürstenden Völker an dich. – Die Bienenköniginn sammelt ihr zahllos Heer, Und führt es auf Wiesen voll Frühling's,
Und jede vom Heere Kömmt honigträchtig zurück: So setztest du den Söhnen Teuts Die Süße deines Herzens in Bardenlehren vor!
Und dieses Herz durchgrub des Todes Stachel! Trauert, ihr Völker! trauert, ihr Söhne Teuts! Der Quell ist versiegt! der Frühling erstorben! Ein Jüngling war ich, und jeglicher Trieb
Zur vaterländischen Bardenkunst Lag noch in meiner Brust in zweifelndem Schlummer. Ich hörte dein Lied, und jeglicher Trieb Entriß sich dem zweifelnden Schlummer
Und horchet mir itzo mein Vaterland, Und thuen mir ältere Barden Ihr freundliches Herz auf, Und schändet meine Scheitel
Den heiligen Eichenzweig nicht, Dir bin ich es schuldig. O nimm, was ich vermag, Ein Lied und Thränen! – Aber hinauf, Saiten, hinauf
Zur hellen, himmelhohen Zukunft! Mein Auge durchstrahlet das Wintergewölk', Erblicket ihn, den satten Lebensgast, Unter den Barden der Vorwelt.
Ein großes Erstehen Von allen Wolkensitzen Dem Lehrer der Tugend, Dem Sittenverbess'rer,
Dem Feßler der Herzen, Dem holden, menschenfreundlichen Weisen. Wie dünnere Frühlingsnebel Von der gebärenden Flur,
So schwindet die zärtliche Schwermuth Von dem Gesichte des Barden. Aus den Umarmungen ewiger Sänger (Ach nicht ewig für uns! Die neidische Zeit
Entriß uns ihre Sitten, ihr Lied, Ihr Lied in freien Eichenhainen, Ihr Lied im Mahle tapfrer Fürsten, Ihr Lied im lauten Schlachtgetümmel
Unter bemaleten Schilden Hervorgebraust!) Aus den Umarmungen dieser Sänger Blicket er lächelnd herab
Auf sein geliebtes, erdewallendes Geschlecht, Und sieh't sich von Enkel zu Enkel In seinen Gesängen hinwieder geliebt, verewigt; Und höret die Kinder der Fremden
Am Rhein und am Po In ihren Zungen seine Lehren wiederholen, Und Deutschland segnen, dem der Himmel Einen Gellert gab.
Also mein Lied zur traurigen Wintergegend. Aber du, Lüftchen! bist du noch hier Im blätterlosen Ahorngange, So nimm dir die besten Töne daraus,
Und decket der kehrende Lenz Den Hügel des Barden mit Blumen, Dann seufze sie nach in jenen Blumen, Derer Haupt am Hügel
Schwerer und gesenkter ist.
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