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1892

Mein Herz als Mond verkleidet

Max Dauthendey

Rühr' im Schlaf an deine Wangen, Hangen Tropfen an den Kissen, Du und ich allein nur wissen: Unser Sehnen hat vereint

Heiß sich in den Schlaf geweint. Ach, mein Herz wie's liebt und leidet! Spür es leis als Mond verkleidet Weiß an deiner Tür.

Sehnsucht muß mit hellen Händen Noch im Schlaf dein Zimmer blenden, Und die blanken Scheiben schicken Blicke, die tags dunkel bleiben;

Wo sie ungesehen fielen, Steigen Lichter aus den Dielen. Schweigen müssen Uhr und Zeit, Sehnsucht spielt auf blauen Geigen,

Und wie einst auf Märzenauen Werden Balken in den Räumen Wieder kühn zu Knospenbäumen. Und auch taut im Mond wie Eis

Lautlos deines Spiegels Glas, Will mir Heimlichkeiten zeigen, Die der Spiegel nie vergaß, Er, der zärtliche Vertraute,

Der nur lebt von deinen Augen Und in deine Sehnsucht schaute. Dicht an deinen weißen Wangen Will ich deinen Atem fangen.

Was die Scham mir nicht gestand, Küß ich aus dem Schlaf der kleinen, zagen, zahmen Hand. Rötet Morgen sich im Land, Auf dem roten Dach der Welt

Tötet sich der Mond gelassen; Und wer ahnt in lauten Gassen, Daß, wo Sehnsucht hingestellt, Sich noch nachts das Pflaster hellt,

Und mein Herz, als Mond verkleidet, Nächtlich blinde Wünsche weidet.

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