Skip to content
1873

Des Sultans Gesetz

Felix Dahn

„Dieses geht nicht!“ sprach in Joppe Sultan Selim, der vor kurzem Abgeschlossen auf drei Jahre Waffenstillstand mit den Christen

Drüben in Jerusalem. „Dieses geht nicht, daß die kecken Tempelritter, diese Schlingel, Tag für Tag gen Joppe reiten

Und mir meiner schönsten Türken- Mädchen Herzen schnappen weg. Weil nun solches Herzgeschappen Anhebt meist mit Schleierlüften,

So befehl ich: jeden Templer, Welcher eines Türkenmädchens Schleier lüftet, trifft der Tod: Wenn sie nicht statt dessen vorzieht,

Nach der Wahl des Mädchens selber, Daß den frechen Übeltäter Augenblicklich von dem Vater Sie empfängt zum Eh'gemahl.“

Dies Gesetz schuf zürnend Selim. – Solches hatte kaum vernommen In Jerusalem Herr Reinhart, Auch ein frommer Tempelritter,

Als er stracks gen Joppe ritt. Fest in seinen langen, weißen Mantel eingehüllt durchschritt er Joppes Straßen: herrlich schritt er:

Tausend Türkentöchter seufzten Durch die Läden: „Welch' ein Mann.“ Sieh, da wandeln ihm entgegen, Tief verhüllt, zwei Türkenmädchen:

Und der ungezogne Templer Hebt sofort der einen Schleier Und er ruft: „Schön! Wahrlich, schön!“ Und er zieht sogleich der zweiten

Von dem Antlitz auch den Schleier: „Tausend Tode will ich sterben“, Ruft er, „schönstes Weib der Erde – Aber einmal küß' ich dich.“

Und er küßt sie. – Und natürlich Wird sofort er arretiert auch Von den türkischen Gendarmen – Und das fromme Joppe jubelt:

„Diesem wird's mal schlecht ergehn! Denn die braven Türkenmädchen, Die so tödlich er gekränkt hat, Waren – also mög' es jedem

Kecken Schleierlüfter werden – Sultan Selims Töchter selbst!“ – Vor dem Sultan stand der Ritter: Und es sprach die eine Tochter

– Schwarze Brau'n zog sie zusammen Und es war die ält're Tochter, Die der Frevler nicht geküßt: – „Vater, Todes soll er sterben

Nach dem ersten Paragraphen Deiner Satzung: – ich verlang' es!“ Und der Sultan, turbannickend, Sprach: „Gestrenge Tochter, ja!“

Doch da sprach die jüng're Tochter, – Blondgelockt, sie, die er küßte: – „Lieber Vater, ich verlange Diesen jungen Staatsverbrecher

Nach Gesetz zum Eh'gemahl. Denn ich bin ein Türkenmädchen Und ein Templer ist der Ritter Und er hat – ich kann's beweisen –

Meinen Schleier hoch gelüftet Und dein zweiter Paragraph“ – „Schweig und nimm ihn!“ sprach der Sultan, „Schwierig ist's, Gesetze machen,

Schwerer noch ist's, Mädchen hüten: – Küss' mich, Goldgelock, mein Liebling, Heute noch soll Hochzeit sein.“

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Des Sultans Gesetz · Felix Dahn · Poetry Cove