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1876

Verkauft

Hermann Conradi

Nicht war mir zu Willen Deine lebendige Seele! Und nicht umtönte mich Ihrer tiefsinnigen Sprache

Ergreifender Urlaut ... Doch deinen Leib – doch deinen Leib Hab' ich besessen Und deine Glieder

Kühnlich betastet – Und meine Hand – Meine heiße irrende Hand – Fand Huld und Heimat

Im Tal deiner Brüste ... Und dein Leben spürt' ich – Dein lebendiges Leben! ... Den Rhythmus des Blutes –

Von den Lippen dir sog ich Die Frucht seines Kreisens ... Und das Leben umfing ich – Das lebendige Leben ...

Aber deine Seele war stumm, Und wortlos dein Auge, Als ahnten sie kaum Der Wonneschmerzen

Verschleierten Tiefgang – Die Schmerzenswonnen, Die sich gebären, Flackernde Flammen,

Gibt sich dem Menschen Der göttliche Mensch Im Namen des Geistes, Der das Ewige fügt

Zum Gebilde der Stunde – All-einig Bewußtsein Zeugt und entfaltet, Ein pfadkundiger Tröster! ...

Aber deine Seele war stumm, Als deckte sie Schlummer – Als träumte entrückt sie Zu anderen Sphären,

Die Nahsein den Göttern Heiter gewähren ... Mich aber verwarf sie Und meiner Seele

Brünstiges Rufen ... Da quoll es empor – Und meine Sehnsucht, Die dich nicht beseelt,

Wandelte trotzig Zu irdischer Lust sich Nach jener Sünde, – Die wurzelnd im Staube

Vom Staube sich sättigt ... Und mich zerfraß Die Flamme der Wollust – Und wühlte sich ein

Und füllte mich ganz Und mordete meuchlings All meine Gottheit! ... Und ich betastete dich –

In deine Glieder verkrampft – Als sei ich von Sinnen – Als hätte ich niemals Meiner Seele Freiheit

Auch nur geahnt – Als hätt' ich mich niemals Voll feuriger Kraft Zu den Göttern entrafft!

Durch mein Hirn Schossen die Ströme Brennender Wollust – Und es versenkte

Der verruchte Drang mich, Dich zu zermalmen Unter den Strudeln Meiner entarteten Lust!

Aber da lagst du – Bleich, wie ohne Seele, Wie ohne tiefstes Lebensbedürfnis ...

Und jeder Zug In deinem blöden, Verstumpften Antlitz Stieß sich mir ins Hirn

Und redete deutlich: Daß ich dich nur gekauft... Weib! Da kam es über mich – Da kroch es heran –

Es lastete sich auf mich Und ich wähnte – Ich wähnte, es wiche – Es wiche jählings

Unter meinen zuckenden Fingern Dein warmfeuchtes Leben ... Und Grausen schlug mich ... Und mich zerschnitt

Der eiskalte Anhauch, Der aus den Poren Deines Leibes emporquoll, Sich um mich gürtete

Mit Klammern der Angst ... Und ich warf dich von mir ... Mein Auge aber – Mein hellsichtiges Auge,

Schaute Bilder und Zeichen Und durchdrang Die Herzen der Menschen ... Und ich sah

Tausendmal, tausendmal! – Immer wieder Das letzte eine: In jede Seele

Mit Blutschrift gebrannt: Verkauft! Ueber die weiten Märkte des Lebens Rollt unaufhaltsam,

Nächte und Tage, Ohne Labung und tröstende Sonne Die Sklavenkolonne Der verkauften Kreaturen, –

Zu Schächern und Huren Niedergezwungen Von den Fäusten der Not, – Zum alltagsüberstaubten,

Hoffnungsberaubten Listkampf ums Brot ... Und ich sah zu dir nieder, Weib, Und du sahest zu mir empor, – Weib –

Und wie Verwunderung, – Wie eine Frage Las ich in deinen toten Augen ... Tröste dich, Weib!

Du seelenloses! Ich habe noch eine Seele, Die einmal, einmal – Mit dem Kanaan-Wasser

Der Freiheit getauft! Leider! – oh leider Ist sie zu drei Viertel Auch schon glücklich – verkauft!

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