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1876

Trauer

Hermann Conradi

Meine Seele ist traurig ... Warum bist du traurig, meine Seele? Und sie spricht zu mir: Vorüber ging ich mit dir

An rauschenden Wassern – Und die rauschenden Wasser Umsäumte die Siedlung Tatfroher Menschen.

Mit der Sonne Emporglühn Traten hinaus sie Aus ihrer Hütten Schmuckloser Enge –

Und tiefeinatmend Des Morgens Säuselwind Und des Tages Lichtstrahl Mit freudvollem Blicke

Emsig begrüßend, Gingen sie heiter Und guter Dinge, Ruhvoll und kraftreich,

An ihr hartes Schaffen, Das Schweiß und Schwielen Gebiert, jedoch auch Helle Gedanken

Und die Frucht des Frohsinns, Die unvergleichlich. Und wiederum ging ich Mit dir hinauf,

Sprach meine Seele, Zu Bergesgipfeln. Und ich ward so heiter Da mich der Höh'nwind

Weidlich durchlüftet! Wie dehnt' ich mich doch Und reckte mich weit Und sog den Atem

Schrankenloser Unendlichkeit! Und allen, die mir Entgegentraten,

Lachte das Herz Aus den hellen Augen, Daß ich ihnen Sehnsuchtsbeschwingt

Entgegenhüpfte ... Und sie boten Mir Gruß – und einer Lud mich zu rasten –

Lud mich zu bleiben: „Gelt! Es wär' schön doch, Blieben wir immer Und ewig zusammen!“

Aber wieder Riß ich mich los Und der Vergangenheit Schmerzensreichem

Mühenschoß, Der mich gewirket, Gab ich mich wieder. Oh! Unerbittlich

In seiner Zukunft Ist das Gewesene! Es fraß sich in mich Und gebiert sich fort

Und haftet immer! Nimmer! O nimmer Lehrt mich des Fischers Oder des Schiffers

Beengtes Trachten Grenze und Maß – Stürmisch Verachten, Emsig Vergessen

Alles dessen, Was ich im Grunde doch – nie besaß! Nimmer! O nimmer Lehrt der helläugige

Sohn mich der Berge Frohe Gemeinschaft, Einträchtige Spur Mit der Natur ...

Den Würzhauch des Wassers Und den stählenden Atem des Bergwinds Muß ich missen ...

Ich fühlte zu tief – Und ich dachte zu viel – Und all mein Wissen, Mein himmeldurchstürmendes

Feuriges Fühlen, Das nie sich genug, Erfüllt den Fluch, Den es umschoßt,

Und gibt mir zum Ende – Zum letzten Ende Als heiteren Trost Doch nur ein – bitterhartes Sterbekissen.

Und vorher hat es Mein Leben vergiftet! So sprach meine Seele. Und sie trauerte weiter ...

Und nimmermehr forscht' ich: Warum bist du so traurig, meine Seele?

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