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1876

Marie Louise

Hermann Conradi

Wenn du mich liebtest – Nein! Ich verdiente es nicht! Denn siehe, du Weib, Das ich liebe mit dem Flammensturm meiner Jugend,

In dem allein Seit Stunden und Tagen, In Tagen und bang durchwachten Nächten Meine Seele lebt, meine Seele atmet –

Denn siehe, du Weib: Nicht sündlosen Herzens Kam ich zu dir – Nicht keuschen Herzens

Hab' ich gepocht An die Pforte deiner lichthellen Seele – Siehe! Meine Augen – Sie brannten so oft schon

In die Dämmertiefen – In die berückenden Hetärenaugen Eines anderen Weibes hinab ... Und meine Lippen

Haben so oft sich verloren Auf die rotüppigen Lippen Eines anderen Weibes ... Und eines anderen Weibes

Nacken und Hüfte Haben meine Arme umklammert So oft schon – so oft In brünstiger Glut ...

Und sündige Gedanken Haben gehaust Und haben verpestet Meiner Jünglingsseele

Demantene Reinheit ... Und mit den Anderen Bin ich gegangen, Die da nachschleichen

In schwülen, berauschenden Mitternächten Der Sünde, – der Sünde, die schamlos Entblößt und verschachert Reize um Reize! ...

Und mit den Anderen hab' ich gelogen Und habe geleugnet Frech und schamlos, Wie die Dirne der Gasse,

Daß noch atme Eine unangetastete Frauenseele! ... Weib! Wenn du mich liebtest –

Nein! Ich verdiente es nicht! ... Und nun kam ich zu dir – Und nun fand ich dich! ... Und du bist bei mir,

Wo ich auch bin – Und du gehst mit mir, Wohin ich auch gehe – Nur du – nur du! ...

All meine Gedanken, All mein Sehnen und Suchen: Bei dir findet's Heimat, Bei dir schlägt es Wurzel,

Und um dich kreist es Mit lautaufrauschendem Flügelschlage, Du mein Ein und mein Alles, Du Quell meines Lebens,

Daraus mir entgegen Springen die Ströme Der Seelenverjüngung ... Denn ja! bei dir,

Da fühl' ich mich gut, Da fühl' ich mich rein! ... Wenn eng angeschmiegt Du neben mir schreitest,

Und ich deines hastigen Atems Lebenshauch spüre, Und deiner Augen zartes Goldbraun Verheißungsvoll mir entgegenblitzt,

Und ich mich verloren Und nur dich – nur dich fühle: Dann ist's mir, als risse, Als klaffte auseinander

Jäh und blendend Der Vorhang, Der mir verschleiert des Lebens Tiefen Immer noch bis heute

Und des Lebens Wert Und sein wahres Wesen. – Und eine neue Berückende Wunderwelt

Hebt sich empor Und durchschauert mein Herz Mit seligen Träumen, Mit heiligem Ahnen! ...

Weib! Wenn du mich liebtest – Nein! Ich verdiene es nicht! ... Und doch will ich um dich werben – Und muß um dich werben,

Denn ich bin ja nicht mehr mein Eigen, Nicht mehr mein Ich, Ich lebe ja nur in dir und durch dich! ... Aber nicht werben kann ich

Mit sanftem Rauschen, Mit zärtlichem Kosen, Wie der milde Frühwind Und der leissingende Abendwind

Wirbt um den Duft Der Kräuter und Gräser, Die da wachsen und blühen Bescheiden und winzig ...

Um dich, um deine Liebe Muß ich werben, Wie der Nordsturm wirbt Um den dröhnenden Nachtgesang

Breitwipfliger Eichenwälder ... Ueberströmen soll dich Meiner rebellischen Seele Jach auflohende Flammenfülle!

Durchfluten sollen dich Meiner wehrsprengenden Leidenschaft Wildgehende Wasser! ... Begraben will ich dich

In die qualsüße Sklaverei der Gewalten, Die du in mir geweckt Mit dem Ton deiner Stimme, Dem Geleucht deiner Augen,

Dem Lächeln deiner Wangen, Dem Rhythmus deines Leibes – Mit dem geheimnisvollen Weben und Walten

Deines einzigen Ichs ... Denn nicht mehr länger Kann ich bändigen, Kann ich dämmen,

Was größer denn ich Und ungleich stärker, Als mein machtloser Wille ... Ist's nicht, Geliebte,

Herrlich und groß denn, Walten zu lassen In himmlischer Fülle, In götterstarkem Drange,

Die schrankenlose, Majestätische Kraft Der Elemente? Darum nicht länger –

Nicht länger säum' ich ... Und ob du's auch weißt: Es packt mich, noch einmal Mit erstickter Stimme

Dir zuzuraunen, Daß ich dich liebe! So liebe mich wieder! ... Ich mag nicht betteln

Um deine Liebe, Mich nicht bescheiden Mit karger Spende ... Wie der Nordsturm eingreift

In der Eichenriesen Knorren und Kronen, So will ich mich einwühlen In das Geäst deiner Seele!

Wie ich bei dir bin Nacht und Tag, Sollst du bei mir sein Mit jeder Falte deines reinen Herzens,

Nacht und Tag, Sollst du mein sein Mit jeder Fiber deiner keuschen Seele ... An mich sollst du dich klammern,

Sollst du dich lehnen, Denn ich bin stark Und halte dich sicher ... Denn ich bin stark,

Und von jener Kraft, Die göttlichen Samens, Lebt auch in mir Ein gewaltig Teil –

Und sie ist ewig – Und sie ist Wahrheit Und Traum und Ahnung ... Weib! Wenn du mich liebtest,

Ich verdiente es doch, Weil ich dich liebe, Wie ich noch nie geliebt! ... Noch nie geliebt

Ein irdisches Weib! ...

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