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1876

Einem Kinde der Sünde

Hermann Conradi

Ob's deine Augen auch verneinen Mit ihrem hellen, klaren Licht; Ob auch auf deinem zarten, feinen, Madonnenschönen Angesicht

Es liegt, als wäre deine Seele Ein seltner Kelch, der niemals trog, Drin Keuschheit sich und Kraft vermähle: Ein Kind der Sünde bist du doch! ...

Ob deine Augen drohend blitzen – Ob du auch zitternd, zornbewehrt, Dich vor dem Frechen suchst zu schützen, Den deiner Schönheit Reiz betört, –

Der deines Nackens holde Fülle Umspannen will mit engem Joch – Ein Bild der lieblichsten Idylle! – Ein Kind der Sünde bist du doch!...

Ob du auch sittsam deine frommen Blauaugen niederschlägst, wenn jach, Wie's just passiert, ein Wort gekommen – Ein Wort von bravem, derbem Schlag –

Es fährt heraus – die andern kichern: „Ein Witz, der nicht zum feinsten roch!“ Ob du auch kalt sie's läßt versichern – Ein Kind der Sünde bist du doch! ...

Denn ich, Madonna, muß es wissen – Du hast es selbst mir ungesäumt Gebeichtet, da auf weichen Kissen Ich manche Nacht bei dir verträumt ...

Dein schöner Leib ist so gesellig Und Kosen dünkt ihn wunderfein – Drum bist du heimlich gern gefällig: Du sollst ein „Kind der Sünde“ sein? ...

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