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1876

3.

Hermann Conradi

Abseits war ich gegangen, Wo in die Wildnis, In aufgehügelte, todstille Wildnis, Sich die Pfade verlieren –

Wo Menschenwesen Und Menschensprache Unheimisch dem krautkargen Felsen Und der nackten Steinklippe,

Den verzwergten Halmen, Die spärlich sprießen Zu Füßen der Hügel ... Wo die Einsamkeit wohnt

Und die Weltentsagung, Ihre ernstere Tochter ... Und abgetan hatt' ich Menschenwahn

Und Menschenschicksal ... Zwiesprach nur hielt ich Mit dem zeitzergleisten Gestein, Mit dem Winkelgestrüpp

Und den Wolken des Himmels Und mit dem ewigen Gott, In dem ich war Und der in mir war

Vom Morgen bis zum Abend Und wiederum vom Abend Bis zur Frühe, Wenn das aufzuckende Morgenrot

Falbe Farbenbündel In meine Siedlung warf Und ich aus Träumen mich hob – Aus Träumen von Gott

Und zeitlosem Sein ... Und ich atmete die Gedanken Des unendlichen Geistes – Seines Wesens Hauch

Durchleuchtete mich, Und ich wuchs in ihm Und wachsend überwand ich Die Welt und das Schicksal,

Und begreifend verging ich Leicht wie die Windspur ... Und lebend und lernend Starb ich schmerzlos ...

Da aber mahnte der Ewige mich Verschollener Stunden, Und verschollener Stunden Kern und Bedeutung

Enthob sich aus Tiefen, Drin sie versunken, Als ich die Menschen ließ Und ihres Wandelns

Verwirrte Fragmente ... Und Er sprach zu mir Mit dem Geiste der Zeit, Die war und bedingt war:

Nicht taugt es dem Menschen, Daß er mich spüre, Wo ich der Erde Versagt den Genossen

Und Sünde und Reue ... Denn hier betastet Mich keines Finger, Und da die Einöde haust,

Stirbt des verirrten Gottsuchers Seele Lebend in mir, Wie ich lebe,

Dem Sein entkeimend Und auch dem Nichtsein ... Aber nur der in Nöten gesündigt, Errät des Todes

Tieferen Sinn Und schlürft seines Lohnes Köstliche Fülle ... Also hebe dich auf

Und, Dank im Gemüte Und Erlösungssehnsucht, Schreite hinab Und mische dich wieder

Unter der Menschen Rätselgeschlecht ... Und wieder werde Menschensatzung

Allstündig die Richtschnur Und maschiges Netzwerk, Drin sich verhaken Gedanken und Triebe,

Sündengebärend Zugleich und entsühnend! ... Und ich ging von dannen Und stockender Stimme

Entgrüßt' ich die Gräser Und den krautkargen Steinsitz, Die Wolken des Himmels Und die Siedlung ließ ich

Dahinten verdämmern ... Den Menschen gesellt' ich mich wieder – Den Menschen der Stunde, Und irdisches Maß,

Ziel und Bedingnis Umschnürten mich wieder Und lehrten mich wandeln Auf Menschenpfaden ...

Doch Menschenpfade Bewuchert die Sünde, Und die Sünde meistert Die Kreaturen ...

Denn sie bedeutet Folge und Satzung ... Und sie zu begreifen, Und sie zu erfüllen

Ist menschlich zugleich Und göttlich groß ... Denn nur das Leben Gebieret die Sünde,

Aber die Sünde, Die du begriffen, Gebieret den Tod Und seiner Krone

Stolzes Bewußtsein ... Nur der gesündigt In Lebensnöten, Errät des Todes

Tieferen Sinn Und schlürft seines Lohnes Köstliche Fülle ... Und die Fülle ist Kraft,

Und sie lebt in mir Bis zum Ende der Tage ... Ich ward ein Mensch Und entdeckte den Himmel!

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