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1809

Die Großmutter

Adelbert von Chamisso

„Großmutter, schläfst du? Deine Lippen pflegen Wie betend sich im Schlafe zu bewegen, Wie bist du heute regungslos und bleich? Die Hände starr auf deiner Brust vereinet,

Die nicht dein Atem zu erheben scheinet, Dem Marmorbild der Schmerzensmutter gleich. Blick auf, erwache, rede! wie betrübest Du, Mutter, deine Kinder, die du liebest?

Was taten wir? wir waren beide fromm. Du zürnest uns? du hörst nicht unsre Stimmen? Sieh her! die Lampe flackert im Verglimmen, Und schon das Feuer auf dem Herd verglomm.

Und willst du Licht und Feuer nicht erhalten, So müssen wir erstarren in dem kalten Und finstren Haus; zu spät erwachst du dann, Auch wir beharren stumm in deinen Armen

Und können nicht an deiner Brust erwarmen, Du rufst die Heiligen vergebens an. Großmutter, o wie kalt sind deine Hände! Wir wollen sie in unsern wärmen, wende

Nur deinen Blick uns freundlich wieder zu; Da hast du dein Gesangbuch, nimm es wieder, Du hast es fallen lassen, sing uns Lieder – Du nimmst es nicht, und nichts erwiderst du?

Zeig uns, wir waren fromm, uns zu belohnen, Das Bild der Bibel, wo die Heil'gen wohnen Beim lieben Gott, umstrahlt von seinem Licht; Erklär uns dann die göttlichen Gebote,

Und sprich vom beßren Leben nach dem Tode, – Was ist der Tod? – du brichst das Schweigen nicht!“ So hallte lange noch der Waisen Klage, Die Nacht brach ein, sie wich dem jungen Tage,

Die Turm-Uhr maß die Zeit mit gleichem Schlag; Zur offnen Türe lauschend sah die Kleinen Am Sterbebette knieen, beten, weinen Ein Wandrer späte noch am andern Tag.

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