Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
Ich sehe meinen Leib als ein Gewand verschleissen Was aber in mir wohnt und Seele wird geheissen Empfindet einen Trieb der nach der Freyheit strebt; Doch eh’ ich sie erlangt hab’ ich fast ausgelebt.
Ich habe solchen Wunsch vielleicht bey mir gespühret So bald mein erstes Blut und Othem sich gerühret Wer weiß wie oft ich schon ich unvollkommne Frucht Den Fortgang zur Geburth mit Ungestüm gesucht?
Ob nicht mein freyer Geist sich mit den bittern Zähren Hernachmahls für den Zwang der Windeln wollen weh Und ob nicht dazumahl mein unvergnügter Mund Wenn ihm der Ammen-Brust nicht bald zu Dienste stund
Ein gleiches Klage-Lied aus Ungedult gesungen Als mir bey reiff’rer Zeit der Kummer Das weiß ich: da ich erst wie zu mir selber kam Und mich des Lehrers Fleiß in strenger Aufsicht nahm
Daß ich mich aus Verdruß gekrümmet und gewunden So offt als der Tyrann zu den gesetzten Stunden Durch ein verhaßtes Wort mich in dem Spiel gestöhrt Und eh’ich Teutsch gekont was Römisches gelehrt.
Doch möcht ich nur itzund der Kindheit Lust erfahren! Der Unmuht nimmt nicht ab er wächset mit den Jahren; Was nützet der Verstand als daß er mit Bedacht Die Freyheit schätzen lernt die Ketten schwerer macht?
Ein Baum wars nur ein Baum dran solche Früchte Die dort der erste Mensch solt’ unbetastet lassen; Uns aber ist noch mehr zu halten auferlegt Weil nun ein gantzer Wald so viel verbottnes trägt.
Wir hören überall Verführungs-Schlangen pfeiffen; Wir wollen hier und da nach fremden Aepffeln greiffen; Wie wässert uns der Mund! die Hand wird ausgestreckt; Jedoch des Him̃els-Schluß der uns mit Flam̃en schreckt
Der heißt so wol die Lust indem wir wachen zäumen Als selber in dem Schlaaf nach dem Gesetze träumen. Wol dem der seinen Sin und Fleisch darnach bequemt! Denn wer zu offenbahr und gar zu ungezähmt
In der Begierden Schlamm gewohnet ist zu wühlen Wird meistens in der Welt auch schon die Rache fühlen; Folgt ihm gleich Schwerdt und Mord nicht auf dem Fus- So währts doch kurtze Frist biß daß in dem Gemach
Das man zu Sommers-Zeit so wie im Winter heitzet Ihm ein verschwiegner Artzt den alten Adam beitzet; Da wird sein Götter-Brodt und Nectar-süsses Naß Ein Zwieback und ein Tranck von lauem Sassafraß.
So ists: was unserm Fleisch am heftigsten behaget Hat wo nicht die Gewalt die Furcht doch untersaget Und läßt Gewalt und Furcht noch irgend etwas frey So machen wir es selbst zu einer Sclaverey.
Seitdem daß uns der Wahn die Augen hat verkleistert Und Hochmuth samt dem Geitz des Hertzens sich bemei- So giebt der tolle Mensch den frey-gebohrnen Sinn Sein allerbestes Pfand zum Götzen-Opfer hin.
Wie meines Nachbars Sohn ist schon so hoch gestiegen Der kaum als Eigenthum drey Morgen können pflügen? Spricht jener dem das Glück mit gar zu milder Hand Ein halbes Fürstenthum zum Erbtheil zugewandt
Und ich sol unberühmt in meinen Gräntzen bleiben? Nein! man sol etwas mehr auf meinen Leich-Stein Schafft Roß und Wagen an bringt Pantzer und Gewehr! Bald wird sein Haußgesind ein kleines Krieges-Heer.
Zwar wirfft das Ehgemahl sich zu des Ritters Füssen Sein unerzognes Kind läßt herbe Thränen fliessen Die Freunde rahten ab der Held wird fast bewegt; Doch weil er allbereit die Rüstung angelegt
Wird durch den tapffern Muth die Zärtlichkeit bestritten; Er eylt läßt für den Zug auf allen Cantzeln bitten Begiebt sich in das Joch steht allen Kummer aus Verschmeltzt was Geldes werth verpfändet Hof und
Und kom̃t denn abgedanckt und arm nach wenig Jahren In kläglichem Triumph als Krüppel heimgefahren. Schaut dort den grossen Mann für dem sich alles bückt Der scheint nicht weniger in dem Gehirn verrückt.
Wer? jenes weises Haupt? der Ausbund des Verstan- Ja eben jener Greiß der Abgott unsers Landes Auff dessen Ja und Nein so manche Wohlfahrt ruht Durch dessen Länderey man Tagereisen thut
Auf den der Reichthum schneyt in dessen Zunern blincket Womit ein König pralt da man den Tagus trincket; Der le Hätt er nicht einen Feind an seiner Phantasey
Er könte seinen Rest der Tage glücklich schliessen Und als sein eigner Herr der güldnen Ruh geniessen Dergleichen nicht einmahl Monarchen wiederfährt Ihm aber ist der Hof sein Kercker gar zu werth:
Und in des Fürsten Gunst noch höher aufzusteigen Wird ihm kein Tritt zu schwer kein widriges Bezeigen; Damit er andern nur noch länger schaden mag Wacht er bey stiller Nacht und rennt den gantzen Tag;
Die Brunnen die das Gold mit leichten Quellen geben Und dem zuletzt die Scham sich selbst zu überleben Das ists was dergestalt ihn in dem Schwindel hält Daß er was Freyheit gilt fast ins vergessen stellt.
Zwar sehnt er sich zum Schein die eitle Welt zu fliehen Doch die Gemächlichkeit den Diensten vorzuziehen Die er aus treuer Pflicht dem armen Nechsten schenckt Bedünckt ihm so ein Schluß der sein Gewissen kränckt;
Und wer es besser weiß kan kaum das Lachen zwingen Wen einer der sich längst verstrickt in Satans Schlingen Mit solcher Heucheley von dem Gewissen spricht; Genug! wer Wespen stöhrt kriegt Beulen ins Gesicht.
Ein andrer legte nicht so bald den Griffel nieder Doch mir ist alle Schrifft die Stacheln führt zuwider.
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