Skip to content
1654–1699

Uber die Gnaden-Wahl.

Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz

Wer nicht die Worte hält die im Gesetze stehen Dem deutest du den Fluch O GOtt mit Schre- Wer aber wird von uns dem strengen Spruch entgehen Dieweil kein einiger sich dessen rühmen kan?

Ja wenn ein Sterblicher gleich alles könt erfüllen Hätt’ er zu deinem Reich darum kein besser Recht. Die Wercke gelten nicht. Er thäte deinen Willen Doch wär er immerhin ein armer Sünden-Knecht

Ich weiß zwar daß dein Sohn sein heilges Blut vergosse Und von der Missethat uns alle lößgezehlt. Wie vielen aber bleibt der Himmel doch verschlossen! Weil du die wenigsten auf Erden auserwehlt.

Wie soll ich das verstehn daß du hast können hassen Den Esau der doch nie des Tages-Licht erblickt? Wie kan ich mit dem Arm des Glaubens dich umfassen Eh deine Liebe sich zu meiner Schwachheit bückt?

Du wilst zwar deinen Geist auf Bitte mir gewehren Den Tröster welcher uns zum Weg der Wahrheit Wie aber kan ich HErr den Geist von dir begehren Wenn nicht derselbe Geist schon Hertz und Lippen

Dürfft’ ich als schlechter Thon mit meinem Töpfer streite? Dürfft’ ich als ein Geschöpf dem Schöpffer reden ein? So fragt’ ich: kanst du mich so leicht zur Freude leiten Warum steht mir es frey der Höllen Raub zu seyn?

Ist an des Sünders Heyl dir HErr so viel gelegen Wie solches mir dein Mund und Eyd-Schwur saget Warum vergönnest du daß sich die Lüsten regen? Ist Satan Welt und Fleisch denn mächtiger als du?

Ach GOtt! so qvälen mich zum öfftern die Gedancken; Noch mehr verwirret mich der Schrift gelehrte Streit Wenn sie sich nach der Kunst um deine Worte zancken; Wenn dieser Gnade bringt und jener Sterben dreut.

Es scheint als hätten sie mit dir im Rath gesessen Und da mit dir zugleich das Urtheil abgefaßt Weil sie sich unterstehn nach ihrer Schnur zu messen Was du Unendlicher in dir verborgen hast.

Bald wil die blasse Furcht mich in den Abgrund stürtzen Bald grübelt die Vernunfft doch kan ihr frecher Tand Und mein Gewissen nichts als Zweifels-Knoten schürtze So gar daß Sicherheit offt nimmet überhand.

Zuletzt erhohl’ ich mich und flieh’ in deine Wunden Mein Heyland die dir nicht ümsonst geschlagen sind! Im übrigen sey dir dein Rath-Schluß ungebunden Ich unterwerffe mich dir Vater als dein Kind

Hilf daß ich wandeln mag als wenn durch from̃es Leben Ich könt’ erwerben hier die Schätze jener Welt; Doch wollest du dabey mir solchen Glauben geben Der mein Verdienst für nichts und dich für alles hält.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.