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1654–1699

Uber die Creutzigung Christi. Sonnet.

Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz

O Wunder die kein Mensch mit Sinen kan ergründen! Den die erboßte Schaar dort an das Creutze schlägt Ist der nach dessen Winck das Firmament sich regt. Die Unschuld wird gestrafft und büß’t für fremde Sünde.

Der Tod und Teufel zwingt läß’t sich mit Stricken binde Der Heyland leydet Noth doch wird sein Hertz bewegt Daß Er mit denen selbst ein recht Erbarmen trägt Die sich zu seinem Schimpf und Tod versamlet finden.

Gott stirbt der grosse GOtt in dem das Leben lebt. Was wunder daß der Bau der schweren Erde bebt? Daß sich der Sonnen-Gluth bey Tage muß verstecken? Daß Felß und Vorhang reiß’t daß Leichen aufferstehn?

Ich wundre mich vielmehr daß nicht für Schaam und Felß Erde Sonn und Welt zerschmeltzen und vergehn.

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