Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
Empöre dich mein Geist es muß gewaget seyn Auf! setze dich dem Schwarm der Lüste frisch entge- Greiff an das grosse Werck dran alles ist gelegen Und räume deinem Feind nicht allen Vortheil ein.
Versuch obs besser sey wenn du den Schöpffer ehrest Von dessen starcken Hand du überzeuget bist Als wenn du immerhin das Maaß der Sünden mehrest Die deinen Cörper schwächt und deine Kräffte frißt.
Denck was in schnöder Lust für Stacheln sind versteckt Was oft ein Augenblick macht für betrübte Stunden Wie gnau daß der Genuß und Eckel sind verbunden Wie in der Freude selbst dich was verborgnes schreckt;
Wie du als Cain dort vor GOttes Antlitz fliehest Wie oft dich in dem Schlaaf des Satans Larve stöhrt Wie du des Himmels Grim̃ auf dein Geschlechte ziehest Und wie der MenschenGunst sich endlich von dir kehrt.
Bedencke daß der Tod der alles zu sich reißt Dich führet bey der Hand und über jede Schwelle Und immer unvermerckt zur finstern Grabes-Stelle Du weist nicht ob er dich nicht heut zu Boden schmeißt
Diß aber weist du wohl: Solt’ itzt das Band zerspringen Daß dich und diesen Leib O Geist zusammen hält Du würdest schlechten Zeug vor deinen Richter bringen Erwege nur den Spruch den das Gewissen fällt.
Was dein verderbtes Blut beweget und ergetzt Hast du von Jugend an am eyffrigsten getrieben Hingegen in der Furcht des HErren dich zu üben Bleibt als ein Neben-Werck auf künfftig ausgesetzt.
Worin dein Gottesdienst besteht ist daß zu weilen Ein Seufzer ohngefehr aus lauher Andacht fliegt Denn du pflegst dergestalt dein Leben einzutheilen Daß dessen Kern die Welt und GOtt die Hülsen kriegt.
Dein Christenthum ist nichts als Dunst und Sicherheit Warum du machest GOtt zum Götzen deiner Sinnen In dessen Gegenwart du Dinge darffst beginnen Und die ein frecher Mensch sich für den andern scheut.
Dein alter Adam pflegt den Moses auszudeuten Un macht des Heylands Wort zu deine Fleisch beqvem. Und wenn zwey Lehrer sich um eine Meynung streiten Ist der so deinen Trieb entfesselt angenehm.
Von stoltzem Eigensinn dem alles weichen soll Von Wahn der in der Lufft entfernte Schlösser bauet Von Mißgunst die allein des Nechsten Fehler schauet Und aller Laster-Bruth O Seele bist du voll.
Du schwebst in einem Schiff das auf den wilden Wellen Bald hie bald wieder da auf neue Klippen geht Und bist doch nicht bemüth die Segel hinzustellen Nach dem erwündschten Port der dir für Augen steht.
Ach Seele weil du siehst die scheußliche Gestalt Die dich zum Greuel macht: die Noth in der du schwebest; Ists müglich daß du nicht in allen Gliedern bebest Und suchst dein wahres Heyl mit eusserster Gewalt.
Ists müglich daß du nicht mit bittern Thränen-Bächen Die Wangen über schwemmst und deine That bereust Und dan bey deinem GOtt den du durch dein Verbrechen Zum Zorn gereitzet hast um die Vergebung schreyst.
Wie ists? ist über dir ein steter Fluch verhengt Du fängst ich merck es wol ein wenig an zu wancken Doch sieh wie sich ein Tand der flüchtigen Gedancken Ein höllisch Gauckelspiel in deinen Vorsatz mengt.
Noch ist in deinem Thun kein rechter Ernst zu spüren; Komm JEsu dessen Huld die Sünder nicht verstöst Komm oder du wirst bald ein irrend Schaaf verlieren Das du mit eignem Blut so theuer hast erlöst.
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