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1654–1699

Der 72. Psalm.

Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz

Gott wird Israel erfreuen Wenn es Ihn von Hertzen meynt; Und sein Volck noch benedeyen Ob es gleich in Aengsten weint.

Das ist sicher: Unterdessen Hätt’ ich es bey nah vergessen Und gezweiffelt: Ob Er sieht Was auf dieser Welt geschieht.

Denn ich kont es nicht ergründen Daß wer dich O Schöpffer höhnt In dem höchsten Grad der Sünden Wird mit lauter Glück bekröhnt.

Daß er wenn er mit Vergnügen Seiner Jahre Zahl erstiegen Endlich bläset ohne Grauß Den verfluchten Athem aus.

Er erhebt sich gleich den Zinnen Die von Marmor aufgethürmt; Und verzärtelt seine Sinnen Wenn sonst eitel Unglück stürmt.

Wenn sein Wanst von Hoffart schwillet Muß sein Wünschen seyn erfüllet; Ja was er zuweilen träumt Muß ihm werden eingeräumt.

Er verlästert alle Sachen Die nicht sein Gehirn gebiert Und darf selbst darüber lachen Wie dein Arm den Scepter führt.

Wer mag seine Thorheit schelten? Was er schafft muß alles gelten; Und was er ihm bildet ein Sol uns ein Orakel seyn.

Weil ihn nun kein Ziel beschrencket Wird der Pöbel irr gemacht Daß er bey sich selber dencket: Gott giebt nicht auff Menschen acht

Er schläfft in dem Himmel oben Und läßt den Tyrannen toben. Was hilfft uns die Frömmigkeit? Wir sind arm und er gedeyht.

HeRR ich muß die Warheit sagen; Mich verdroß der Lauff der Welt Daß ich hätte diesem Klagen Bald mein Ja-Wort zugesellt

Und gegläubt: daß die dich preisen Sich mit leerer Hoffnung speisen. Zwar ich dachte fleißig nach Doch war die Vernunfft zu schwach.

Endlich ward in deinem Tempel Mir eröffnet dieser Schluß: Daß der bösen ihr Exempel Nicht zur Folge dienen muß.

Denn o GOtt! du läßst sie wallen Daß sie desto härter fallen; Es ist eine Zeit bestimmt Da ihr Stoltz ein Ende nimmt.

Schrecklich werden sie verstieben Leichter als ein Traum vergehn Und was etwan übrig blieben Wird in keinem Seegen stehn.

Du wirst tilgen ihren Saamen Und es wird auff ihren Namen (den man erst so hoch geschätzt) Seyn ein steter Fluch gesetzt.

War es müglich? kont ich wancken? War ich schlaffend oder blind? Durch was thörichte Gedancken War ich dümmer als ein Rind?

Daß ich was du gut gefunden Zu bekügeln mich erwunden. Dieses was ich ausgeübt Macht mich schamroht und betrübt.

Künfftig werd ich nicht mehr gleiten Herr von deiner Seiten ab; Denn du selber wirst mich leiten Dein Raht ist mein Wander-Stab.

Endlich nach viel Dornen-Hecken Wirst du mir den Ort entdecken Da ich aller Ehren voll Deine Wolthat rühmen soll.

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