Skip to content
1654–1699

Der 139. Psalm.

Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz

HeRR du erforschest mich. Mein Ruhen und Be- wegen Ist besser dir als mir bewust. Du siehst es wenn in meiner Brust So wie der Wellen Sturm sich meine Lüste regen.

Eh’ mir ein Wort entfährt ist dir es schon Und was ich denck’ und thu’ das steht in deiner Hand. O Allmacht! die kein Mensch auf Erden kan verstehen Wo ist der Ort der mich versteckt

Den nicht sofort dein Geist entdenckt? Könt’ ich mich schwingen auf zu den gestirnten Höhen Mein GOtt so bist du da. Führ ich zur Höllen Grund Da machest du dich auch mit Schreck und Rache kund.

Könt’ ich der Sonne gleich den Himmels-Creiß durch- Und folgen biß sie ihre Gluth Löscht in des letzten Meeres-Fluth; So würde mich auch dort dein starcker Arm erreichen.

Der Schatten finstrer Nacht deckt meine Sünde nicht Weil deiner Augen Blitz durch alle Winckel bricht. Und HErr wie solte dir mein Wandel seyn verborgen? Der du eh’ ich das Licht geschaut

Den Cörper den du mir gebaut Mit lebendigem Geist hast wollen selbst versorgen; Der du von Ewigkeit schon hast gezeichnet auff Was mir begegnen soll und meiner Jahre Lauff.

Es kan dis Wunderwerck allein mich überzeugen Daß ich in unverfälschtem Sinn Dir Danck und Opffer schuldig bin; Da Erd’ und Him̃el nicht von deinen Kräfften schweigen.

So daß man eh den Sand der Wüsten zehlen kan Als was du grosser GOtt für Wunder hast gethan. Mein Hertz ist dessen voll. Ich finde mein Vergnügen Darin daß ich den gantzen Tag

Der Länge nach betrachten mag Wie sich doch alles muß nach deiner Ordnung fügen. Ja wenn die Sinne sich vom Schlaafe loß gemacht So spür’ ich daß ich auch im Traum daran gedacht.

Wie aber? fehlt es dir itzund an Donnerschlägen Dem Hauffen der dir spöttlich flucht Und nur das Blut der Frommen sucht Zu zeigen daß du ihn bald in den Staub kanst legen?

Sein Stoltz und Lästern wird noch immerhin gemehrt Weil dein gerechter Grimm nicht dieses Wesen stöhrt. Gewiß ich hasse sehr die dich den Höchsten hassen: Und wenn ich seh wie trotziglich

Sie offtmahls handeln wider dich So kan ich meinen Zorn nicht in den Gräntzen fassen Er bricht in Flammen aus. Ich eyfre deine Schmach Darum so stellen sie auch meiner Seelen nach.

Erforsche mich mein GOtt und prüfe mein Gemüthe Schau ob noch etwan Heucheley Und eitle Liebe bey mir sey Und denn so wircke stets in mir nach deiner Güte.

Weil auch des Himmels Bahn so schmahl und schlüp- So leite du mich selbst der du mein Vater bist.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Der 139. Psalm. · Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz · Poetry Cove