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1806

Sechster Gesang.

George Gordon Lord Byron

„Im Menschenleben herschen Ebb' und Flut; Nimmt man die Flut wahr, führt –“ – ihr kennt den Rest, Und mancher kennt die Sache selbst sehr gut, Obwohl man meist die Zeit verstreichen läßt,

Die einmal kömmt, und nie es zweimal thut. Na, alles dient zum Heil, das steht ja fest, Was ihr am sichersten beim Ende seht: Manchmal wird's besser, wann's am Schlimmsten steht.

Es herschen Ebb' und Flut im Weiberleben; Nimmt man die Flut wahr, führt's – Gott weiß wohin: Man muß um ihre Strömung anzugeben, Ein bessrer Lootse sein, als ich es bin.

Das tollste Zeug des Jakob Böhm ist neben Der Tollheit ihrer Strudel klarer Sinn. Der Mann mit seinem Kopf denkt dies und das, Das Weib mit seinem Herzen – Gott weiß was.

Und doch, ein Weib, dreist, trotzig und verwegen, Und jung und schön, die Thron und Erd' und Welt Aufs Spiel setzt, um auf ihren eignen Wegen Das Glück zu suchen, die vom Himmelszelt

Die Sterne wischen würd', um sich zu regen Frei wie die See, wann Windeshauch sie schwellt, Die ist ein Teufel, (wenn es einen giebt,) Jedoch sie macht den Teufelscult beliebt.

Welten und Thron' et cetera werden meist Durch niedre Herschgier zum Verfall gebracht, Und du vergissest, (wenigstens verzeihst,) Wenn Lieb' einmal dergleichen Streiche macht.

Wie kömmt's, daß du Antonius' Namen weißt? Weil er ein Kriegsheld war? Nein, eine Schlacht, Um schöne Augen einer Frau verloren, Wiegt eure Sieg' auf, Roms Triumphatoren!

Er starb mit funfzigen, und Sie war vierzig! Warum nicht zwanzig er und funfzehn sie? Denn was gilt dann ein Reich? Vertändelt wird's? Ich Erinnre mich, wie aus Galanterie

Ich eine Welt weggab, – mein Herz! das wird sich Mit einer Welt schon messen dürfen: nie Kann ja die ganze Welt mir jene theuern Gefühle, die verschwunden sind, erneuern.

Es war das „Scherflein“ aus des Knaben Hand Und fällt vielleicht einst droben ins Gewicht. Wie dem auch sei, wer Liebe je gekannt, Der sagt, das Leben biete Bessres nicht.

Gott ist die Liebe, wenn ich recht verstand, Und Liebe war ein Gott, eh' das Gesicht Der Erde runzlig ward durch Sünd' und Zähren Seit – doch das mag ein Chronolog erklären.

Mein Held und meine dritte Heldin blieben In einer Lage, die recht mislich war, Wenn auch nicht neu. Verbotne Frauen zu lieben, Ist stets gefährlich, und ein Sultan gar

Haßt Sünden dieser Art ganz übertrieben Und würde sagen, Cato sei ein Narr, Der stoisch und heroisch sein Gemahl Dem Freunde borgte wie ein Capital.

Ich weiß Gulbeyaz that nicht ihre Pflicht, Ich räum' es ein, ich tadl' es ungeheuer, Doch Fabeln hass' ich sehr, selbst im Gedicht, Die Wahrheit ist mir über alles theuer.

Kurzum, ihr Herz war stark, ihr Köpfchen nicht, Und ihres Gatten Herz (selbst wär' es treuer) Genügt' ihr kaum; – er hatte sechzig Jahr' Und Concubinen funfzehnhundert gar.

Und wenn ich auch kein Rechenmeister bin Wie Cassio, eins ist mir doch ziemlich klar, Wenn ich mit frauenhaftem Zahlensinn Des Sultan's Jahr' addir' und diese Schar:

Aus Leerheit sündigt' unsre Sultanin! Weil, wenn er liebreich gegen Alle war, Ihr nur ein Funfzehnhunderttheil verbliebe Von dem, was Monopol sein muß, – der Liebe.

Man hat bemerkt, daß jedes Frauenzimmer Legales Eigenthum krampfhaft verficht, Und wenn sie religiös ist, desto schlimmer, Denn dann ist doppelt schwarz, was man verbricht.

Verfolgungen, Prozesse regnet's immer, (Man frage nur die Herren vom Gericht,) Sobald sie wittern, daß von ihrem vollen Besitzrecht Andre substrahiren wollen.

In Christenlanden ist dies allgemein, Doch auch der strengbewachte Orient Wird manchmal wild und nimmt die Stellung ein, Die ein Monarch „achtunggebietend“ nennt,

Um sich dem Kampf für Frauenrecht zu weihn, Wenn der Gemahl die Gattenpflicht verkennt. Vier Wespen sind so schlimm wie eine Bremse, Und Hauskreuz kennt der Tigris wie die Themse.

Gulbeyaz war die vierte Frau und stand In erster Gunst, doch was ist Gunst bei Vieren? Polygamie ist Sünde, wie bekannt, Doch diese Sünde würd' uns ennuyiren;

Ein weiser Mann, der eine Gattin fand, Hat selten Muth, noch mehr zu engagiren, Und niemand (außer Muselmännern) hätte Wohl gern das Bett von Ware zum Ehebette.

Der Sultan, der erhabne Herr der Welt, – (So klingt die Sprache aller Fürstendiener, Bis Seine Majestät dem Wurm verfällt, Dem hungrigen und frechen Jacobiner,

Der auf den größten Kön'gen Tafel hält,) – Der Sultan, mit verliebtem Auge schien er Zu fragen, ob kein Gruß der Lieb' ihm werde, (Der „Hochlands-Willkomm“ auf der ganzen Erde.)

Hier wünsch' ich, daß man richtig distinguirt. Obwohl Umarmung, Küsse, sanfte Glut Aussehn wie das, was – gar nicht existirt, So sind sie doch im Grunde wie ein Hut,

(Ein Hütchen, mein' ich, wie es Damen ziert,) Sind bloßer Putz: sie stehn dem Herzen gut, Jedoch ein Theil des Herzens sind sie nicht, Wie auch der Hut kein Theil ist vom Gesicht.

Ein leis Erröten, eine süße Qual, Ein still Entzücken, welches weiblich schweigt, Das mehr im Augenlid als Augenstrahl Den holden Wunsch sich zu verbergen zeigt,

Das ist (für den Bescheidnen) das Signal, Daß Liebe ihren schönsten Thron besteigt, Ein ächtes Frauenherz, – denn Ueberkalt Und Ueberwarm zerstört den Zauber bald.

Die falsche Hitz' ist schlimm wie Frost und schlimmer, Die wahre währt nicht lang in einer Brust, Und wer nicht sehr jung ist, der baut wohl nimmer All seine Hoffnung bloß auf Sinnenlust,

Die nur ein Wechselbrief ist, welcher immer Von Hand zu Hand geht, meistens mit Verlust. Wenn andrerseits die Fraun in hohem Grade Kaltblütig sind, so scheinen sie uns fade.

Das heißt geschmacklos. Denn geschmacklos nennen Es sämmtliche Verliebte, träg' und schnelle, Wenn Fraun nicht gegenseit'ge Glut bekennen; Sie denken, weil ihr Herz so brünstig schwelle,

So müsse selbst Sanct Franzens Liebchen brennen, Die schneeige Concubine seiner Zelle. Kurzum, die beste Regel für die Lieb' ist Das „Medio tutissimus tu ibis“.

Das „tu“ thu' ich hinzu, wie ich wohl muß, Weil sonst die Zeile hinkt, – ich meine meine, Nicht den Hexameter, dem fehlt kein Fuß. Bei alledem hat sie nur lahme Beine,

Die letzte Zeil' und dient mir nur zum Schluß Für die Ottave; freilich wird sie keine Wertvolle Richtschnur für die Metrik geben, Wohl aber, wenn man sie verdeutscht, für's Leben.

Gulbeyaz ging wahrscheinlich nicht zu weit; Sie hatt' Erfolg, und der Erfolg regiert Das Herz so gut wie jedes andre Kleid, Mit welchem eine Frau sich ausstaffirt.

Die Frau ist klug, der Mann voll Eitelkeit, Sie lügt, er lügt, man lügt, – doch wird charmirt, Und keine Tugend bringt (als höchstens Fasten) Das schlimmste Laster, Fortpflanzung, zum Rasten.

Wir überlassen die erhabnen Gatten Dem süßen Schlaf, – ein Bett ist ja kein Thron – Und hoffen, daß sie frohe Träume hatten. Enttäuschte Freude freilich gleicht der Frohn

Wirklicher Uebel, die uns Tags ermatten; Den Schmerz, um den man weint, erträgt man schon, Das leise Nagen aber kleiner Pein, Das höhlt das Herz, wie Tropfenfall den Stein.

Ein zänkisch Weib, ein trotz'ger Sohn, ein faul Papiergeschäft, Discont, Protest, Procente, Ein kranker Hund, ein lahmgewordner Gaul, Ein Kind mit ausgeprägtem Schreitalente,

Die alte Tante mit dem bösen Maul Und einem noch viel bös'ren Testamente, Dies sind nur Lumperein, doch sah ich selten Den Mann, dem sie das Leben nicht vergällten.

Ich bin ein Philosoph, – zum Henker alle, Papier, Vieh, Männer und – auch Weiber? – Nein! Ein tücht'ger Fluch erleichtert meine Galle, Und wieder stoisch, seh' ich weder Pein

Noch Uebel mehr auf diesem Erdenballe Und kann die Seele ganz dem Geiste weihn, Obwohl mir unklar ist, was, wo und wie Geist ist und Seele, – hol' der Teufel sie!

Nach solchem Fluche fühl' ich mich bequem, Als hätt' ich Athanasius' Fluch gelesen, Der euren Gläubigen so sehr genehm. Erfände heute wohl ein sterblich Wesen

Für seinen Todfeind solch ein Anathem? Es ist so klar, so rund, so bünd'ge Thesen Und ziert des englischen Gebetbuchs Blätter Wie Regenbogen ein verziehend Wetter.

Das hohe Paar schlief, wie ich schon geschrieben, Er wenigstens; – o Qual, wenn böse Fraun, Die irgend einen Junggesellen lieben, Im Bette liegen, seufzend nach dem Graun

Des Tags, der nie so lange ausgeblieben, Und grollend nach dem dunklen Fenster schaun, Sich wälzend, fiebernd, dumpf, und stets voll Schrecken Den zu legalen Bettnachbarn zu wecken.

Dergleichen giebt es unterm Himmelszelt, Dergleichen giebt's im seidnen Himmelsbette, In welchem Ehefraun der feinen Welt Ausruhn auf Linnen, dessen Glanz und Glätte

Dem „Bergschnee“ gleicht, der Dichtern so gefällt. Kurz Freien ist gewagt, wie eine Wette. Gulbeyaz war elend als Potentatin, Sie wär' es auch vielleicht als „Bauersgattin.“

Juan inzwischen hatt' in Mädchentracht Mit all den andern niedlichen Soubretten Vor Seiner Hoheit seinen Knix gemacht; Dann wurden sie zu ihren Ruhestätten

In jene langen Gallerien gebracht, Wo sich der Damen zarte Glieder betten, Wo tausend Busen, ach, um Liebe trauern Wie Vögel um den Lenz in Vogelbauern.

Ich liebe das Geschlecht. Wie der Tyrann Einst wünschte, daß die Menschheit einen Hals Zum Köpfen hätte, dacht' ich dann und wann, Grandios wie er, nur besser jedenfalls,

Ich dachte mir als ganz blutjunger Mann, Wie alles Weibervolk des Erdenballs Ein einzig Rosenmündchen haben müßte, Und ich mit einem Kuß sie sämmtlich küßte.

Briareus! glücklicher! mit deinen Händen! Wenn du in dem Verhältniß alles hast! Ein Riesentraum! – die Muse könnt' er blenden – Ein solcher Freier! – Meine Muse paßt

Indeß für Patagonien nicht; wir wenden Uns wieder jetzt nach Liliput: da laßt Uns mit Juan das Liebeslabyrinth Durchwandern, wo wir stehn geblieben sind.

Er zog mit all den Odalisken los, Und war gleich seine Lage recht fatal, So war doch die Versuchung allzu groß, (Obwohl die Consequenzen hundertmal

So schlimm sind wie die schlimmsten Risicos Im Vaterlande christlicher Moral, Wo sie das Spiel um Pfunde Sterling spielen,) Nach allen Reizen rechts und links zu schielen.

Doch sein Costüm vergaß er nicht. Durch Gänge Und Gallerien und Säle zogen sie, Ein höchst erbaulich, jungfräulich Gedränge, Bewacht von einer Negercompagnie.

Voran schritt eine Dame stolz und strenge, Die Disciplin hielt und es nicht verzieh, Wenn ohn' Erlaubniß irgendwer sich rührte, Und die den Titel „Jungfernmutter“ führte.

Ob diese Dame „Mutter“ war, weiß Gott, Und „Jungfern“ jene, die sie Mutter nannten. Es war ihr Haremtitel, nicht ein Spott, Ein Titel, ganz wie die bei uns bekannten,

(Vergleiche Cantemir und Herrn de Tott.) Ihr Amt war, frei von jedem überspannten Hang zu erhalten tausend junge Damen Und die zu bessern, die sich schlecht benahmen.

Ein hübsches Ruheamt! Doch ihre Pflicht Ward leichter, weil ins Haus nie Herren kamen Als Seine Hoheit bloß. Ihr Luchsgesicht Nebst Wachen, Mauern, Riegel, Gitterrahmen

Und dann und wann ein kleines Strafgericht, Das hielt dies Burgverlies voll hübscher Damen Kühl wie ein römisch Nonneninstitut, Das ein Ventil nur hat für alle Glut.

Das wäre? – Ei, die Andacht offenbar. Wie kann man da noch fragen? – Doch zur Sache, Wie schon gesagt, die schmucke Damenschar Aus allen Ländern unter einem Dache

Und einem Herrn, – langsam und stattlich gar, Wie Wasserlilien schwimmen auf dem Bache, (Dem See vielmehr, denn Bäche sputen sich,) Schritt sie dahin, traurig und feierlich.

Doch als sie kamen in die eignen Zimmer, – Gleich Vögeln, Knaben, losgelassnen Irren, Wie Flut bei Neumond, oder Weiber immer, Sobald nur ihre Kett' aufhört zu klirren,

Wie Iren bei der Kirchweih, oder schlimmer, So als entfernt sich hatten ihre Sbirren Und ihre Knechtschaft Pause machte, fingen Sie an zu tanzen, lachen, plappern, singen.

Gesprächsstoff bot zunächst die neue Maid, Ihr Wuchs, ihr Haar, ihr Teint, ihr Allerlei; Man wunderte sich über Schmuck und Kleid Und daß in ihrem Ohr kein Ohrring sei.

Die Eine meint', ihr Sommer sei nicht weit; Die Andre schwor, sie sei noch nicht im Mai; Die Dritte fand zu männlich die Statur, Und Manche seufzten, „wär' sie selbst es nur!“

Doch keiner Einz'gen kömmt es in den Sinn, Daß sie nicht sei, was ihr Costüm besagt, Ein schönes Mädchen, das Circassierin Und Griechin wohl herauszufordern wagt.

Sie wundern sich, daß ihre Sultanin So dumm sei, – kaufe sich da eine Magd, Mit der sie, wenn's den Sultan mal gelüste, Thron, Macht und alles Andre theilen müßte.

Seltsam war eins: der jungfräuliche Haufe, Obwohl sie hübsch genug zum Aergern war, Nahm doch an ihr im weiteren Verlaufe Der Untersuchung wen'ger Mängel wahr,

Als sanfte Frauen (mit und ohne Taufe) Gewöhnlich thun, wenn sie als Richterschar In einer fremden Dame, wie sie's nennen, „Das garstigste Geschöpf der Welt“ erkennen.

Sie hatten ihre kleinen Jalousien Wie Andre auch, diesmal jedoch empfanden Sie all', – es giebt wahrscheinlich Sympathien, Ganz ungewollt von uns und unverstanden, –

Sie all' empfanden, ohne daß sie ihn Durchschauten, eine Art von zarten Banden, Wie Magnetismus, Satanismus, was Ihr wollt, – ich streite nicht, ob dies, ob das

Die neue Maid erweckte, was noch neuer Als ihr Gesicht war, eine Art Manie, Freundschaft vom zartesten und reinsten Feuer, Und alle Mädchen wünschten lebhaft sie

Zur Schwester; Ein'ge wünschten ungeheuer, Ein Brüderchen zu haben so wie die, Den sie im lieben Lande der Circassen Vorziehen würden Padischah und Bassen.

Diejen'gen, die für solche Schwärmerei Das größeste Talent verrieten, waren Lolah, Katinka und Dudu, die Drei; Jede so schön (um Schilderung zu sparen,)

Als ob sie in Person die Schönheit sei, Verschieden zwar an Jahren und an Haaren, Natur, Statur und Teint und Vaterland, Doch alle für die Fremde gleich entbrannt.

Lolah war dunkel, warm, wie Indiens Nacht; Katinka, die Tscherkessin, blond und fein, Blauäugig, Hand und Arm wie Marmorpracht, Der kleine Fuß zum Gehen fast zu klein.

Dudu dagegen schien so recht gemacht Zu Bett gebracht zu werden, ungemein Hingebend, schmachtend, träg, ein Bischen voll, Doch reizend, – wer sie ansah, wurde toll.

Venus und schläfrig! allzu fähig nur „Den Schlaf zu morden“ derer, welche ihren Durchsicht'gen Teint, die attische Contur Der Phidias-Nas' und ihrer Stirn studiren.

Zwar wenig Ecken gab ihr die Natur, Sie konnt' abmagern ohne zu verlieren, Nur war es schwer die Reize auszuscheiden, Die es nicht Schade wäre zu beschneiden.

Sie war nicht stürmisch, aber sie beschlich Das Herz wie eines Maientages Frühe. Ihr Auge blitzte nie, es senkte sich, Doch wer es sah, der fühlte bald, es glühe.

Sie glich, – dies Gleichniß ist ganz neu, – sie glich Pygmalions erwachender Statüe, In welcher Menschheit noch und Marmor ringen Und schüchtern kaum das Leben regt die Schwingen.

Lolah frug nach des fremden Mädchens Namen: „Juana.“ – Nun, der Name klingt so so. Katinka frug, woher denn Fräulein kamen: „Aus Spanien.“ – „Wo liegt Spanien?“ – „Gott, wie roh!

Was lernen denn am Kaukasus die Damen?“ Rief Lolah, etwas spitz und schadenfroh; „Spanien ist ein Eiland, dichte bei Marocco, zwischen Tunis und Türkei.“

Dudu sagt nichts. Zu Juana niederkauernd Spielt sie mit ihrem Schleier oder Haar, Und blickt sie an und seufzt gleichsam bedauernd – Die arme Fremde! die in dieser Schar

So einsam ist, ratlos und freundlos trauernd, Verwirrt von all dem Gaffen offenbar, Das unglücksel'ge Fremde stets begrüßt, (Meist noch mit freundlicher Kritik versüßt.)

Nun kam die Jungfernmutter und begann: „Jetzt' meine Fräulein, ist es Zeit zur Rast. Mit dir, mein Kind, bin ich recht schlimm daran,“ So wandte sie sich zu dem neuen Gast;

„Du kamst hier völlig unerwartet an, Kein Bett ist frei, – das Beste wäre fast Mein Bett mit dir zu theilen; aber morgen Will ich dir alles ordentlich besorgen.“

Hier unterbrach sie Lolah; „Nein, Mama, Ihr schlaft nicht gut, und fiel Euch nun noch gar Jemand zur Last, das ginge mir zu nah. Laß mir Juana! sie und ich als Paar

Sind dünner noch als Ihr allein. Sagt Ja! Ich nehme Aufsicht, Pfleg' und alles wahr.“ Doch nun bat auch Katinka um die Wette, Auch sie besitze Mitleid und ein Bette.

„Auch schlaf' ich,“ sagte sie, „ungern allein.“ – „Wie?“ knurrte die Mama. – „Ich fürchte mich Vor Geistern. Ich erblicke Spukerein Auf jedem der vier Pfosten, – sicherlich;

Und schlimme Träume hab' ich obendrein Von Gulen, Ghebern, Giaurs, ganz fürchterlich.“ – Die Alte sprach: „Vor dir und deinem Traum Käme Juana selbst zum Träumen kaum.

Du, Lolah, wirst allein zu Bett gebracht, Aus Gründen, die ich nicht erörtre. Du, Katinka, auch, – bis sich die Sache macht. Juana bring' ich unter bei Dudu,

Die still und sanft ist, nicht die ganze Nacht Sich wälzt und plappert. Kind, was sagst dazu?“ Dudu, die sagte nichts, denn ihr Talent War von der Gattung, die man schweigsam nennt.

Sie steht nur auf und küßt die Stirn ihr schweigend, Und Lolah's Wangen und Katinka's auch; Sodann ergreift sie, leise sich verneigend, (Denn Knixen ist im Orient nicht Gebrauch,)

Juana's Hand, das Schlafgemach ihr zeigend. Die Stirn der Andern aber trübt ein Hauch Des Aergers über den Entscheid der Alten, Obwohl sie aus Respect die Mündchen halten.

Es war ein weiter Saal, – das türk'sche Wort Ist Oda; an der Wand geordnet stehen Toiletten, Betten, Sofas und so fort; Ich könnt' es malen, denn ich hab's gesehen.

Genug, es war ein wohlmöblirter Ort, Mit allen Dingen höchst splendid versehen, Die Damen brauchen, – außer eins bis zwei, Und diese waren jetzt auch nahebei.

Dudu war eine süße Creatur, Nicht blendend, aber ein bezaubernd Kind, Mit Reizen, regelmäßig, nach der Schnur, Die für den Maler ungleich spröder sind

Als jene kecken Striche der Natur, Die er schon trifft, sobald er nur beginnt, Voll Ausdrucks, sei's abstoßend, sei's bestechend, Nicht regelmäßig, aber immer sprechend.

Sie glich der sanften Landschaft milder Zonen, Dem stillen Frieden eines schönen Thals, Wo Knospenduft und heitre Ruhe wohnen, Die, wenn nicht Glück, dem Glück viel näher als

All eure grandiosen Passionen, – Ich wollt', sie kämen euch mal auf den Hals! Ich sah das Meer und sah auch Weiber tosen, Doch mehr bedaur' ich Freier als Matrosen.

Sie war mehr still als melancholisch just, Mehr ernst als still, und mehr voll Heiterkeit Vielleicht als beides, und in ihrer Brust War alles noch anscheinend unentweiht.

Sie hatte, daß sie schön sei, nie gewußt, Trotz siebzehnjähriger Erfahrenheit, Nie, ob sie blond, brünett, groß oder klein, An sich zu denken, fiel ihr niemals ein.

Sie war so hold und freundlich wie ein Jahr Der goldnen Zeit, die noch kein Gold gekannt hat, (Daher der Name, wie man offenbar Lucus a non lucendo auch benannt hat,

Nach dem, was nicht, und nicht nach dem, was war; Ein Stil, den unsere Zeit oft angewandt hat, Deren Metall des Teufels Alchymie Auflösen mag, bestimmen aber nie.

Es ist vielleicht „korinthisch Erz“, ein Brei Verschiedner Erze, namentlich gemeiner;) Freund, diesen langen Zwischensatz verzeih, Ich konnt' um alles in der Welt ihn kleiner

Nicht machen. Kritisire mich so frei, Als wäre jeder meiner Fehler deiner, Das heißt, leg' einen günst'gen Maßstab an, – Du willst nicht? – Gut, ich bleib ein freier Mann.

's ist Zeit, daß wir zu nüchterner Geschichte Uns wieder wenden. Also hört! Dudu Führt' ihre neue Freundin durch das dichte Gewühl der Mädchen mit gewohnter Ruh'

Und gab ihr freundlich Auskunft und Berichte Und, seltsam! brauchte kaum ein Wort dazu. Hier hab' ich nur ein einzig Bild, (das dumm ist:) Weib ohne Wort ist Donner, welcher stumm ist.

Demnächst entwarf sie ihr, – ich sagte ihr, Weil noch das Genus epicenum gilt, (Natürlich red' ich nur vom Scheine hier,) – Von türkischem Gebrauch und Recht ein Bild,

Von der Moral auch, die des Landes Zier, Wonach, je mehr die Zahl im Harem schwillt, Je größer die vestalischen Beschwerden Etwaiger überzähl'ger Damen werden.

Dann gab sie ihr noch einen keuschen Kuß: Sie küßte gern, und das war zu verzeihen, Denn Küssen ist ein wirklicher Genuß, Wofern es rein ist, und hier war es rein.

Wenn eine Frau die andre küßt, so muß Wohl just nichts Bessres in der Nähe sein; „Kuß“ reimt auf „Hochgenuß“ in Lied und Leben, Doch soll es manchmal schlimmre Folgen geben.

In voller Unschuld machte sie sodann, (Was wenig Mühe macht',) ihr Négligé; Denn sorglos zog sich dies Naturkind an Und sah sich nur im Spiegel, wie ein Reh,

Das erst erschrickt und scheu zurückprallt, wann Sein eigen flüchtig Bild erscheint im See, Und dann zurückkömmt und hinunter schielt Nach seinem Bruder, der im Wasser spielt,

Und ihre Kleider wurden Stück um Stück Beiseit gelegt; Juana zu entkleiden Bot sie sich an, sie ward jedoch zurück Gewiesen, denn Juana war bescheiden.

Die Sache lief noch glimpflich ab zum Glück, Doch mußte Juana für den Zartsinn leiden: Die Nadeln stachen, die verwünschten Dinger, Die Gott im Zorn erschuf, ihr in die Finger.

Sie machen eine Frau zum Stachelschwein, Unnahbar! Zittern aber mögen Alle, Die einer Dame Zofendienst zu weihn Verurtheilt sind! Ich war in diesem Falle:

Ich that mein Knabenmögliches, um fein Sie aufzuputzen zu dem Maskenballe, Und ward nicht müde Nadeln anzustecken, Nur nicht genau an den gehör'gen Flecken.

Indeß all dies ist für den Weisen Narrheit, Und mir ist Weisheit theurer als ich ihr. Mein Plan ist, über möglichst Vieles Klarheit Zu schaffen, vom Tyrannen bis zum Thier,

Nur flieht mich stets die spröde Jungfrau Wahrheit. Was sind wir? wie entstehn, was werden wir? Was ist dereinst, was heute unsre Lage? Das ist die ew'ge, nie gelöste Frage.

Es herschte tiefe Stille, trüb' und schwach Sah man die weit getrennten Lampen schimmern; Schlaf sank auf all die Reiz' in dem Gemach. Gespenster sollten doch in solchen Zimmern

Im Sonntagsstaat umgehn, statt Weh und Ach In irgend einem Grabrevier zu wimmern, Und mehr Geschmack beweisen als in alten Ruinen oder Wüstenein zu schalten.

Da lagen viele reizende Geschöpfe, Wie Blumen von verschiedner Farb' und Zucht In einem Gartenhaus voll seltner Töpfe, Die man durch Pfleg' und Kunst zu treiben sucht.

Die Eine, leicht geschürzt die blonden Zöpfe, Die schöne Stirn sanft neigend, wie die Frucht Vom Baum herabnickt, lag süß atmend da, Daß durch die Lippen man die Perlen sah.

Dort, glüh'nde Stirn geschmiegt auf weißen Arm, Das Haupt umdrängt von schwarzer Lockenfülle, Lag eine Zweit' und träumte süß und warm, Im Traume lächelnd, und aus weißer Hülle

Schien, wie das Mondlicht durch den Wolkenschwarm Der Schimmer holder Glieder, als enthülle Sie ihren Reiz der Nacht verschwiegnen Stunden, Nach Licht sich sehnend, doch von Scham gebundn.

Dies klingt recht dumm, doch ist der Vers kein dummer, Denn Nacht und Licht war beides in dem Raum. Der Dritten blasses Antlitz glich dem Schlummer Des Grames, und man sah, wie schwerer Traum

Von fernen Küsten und von Lieb' und Kummer Den Busen hob; durch schwarzer Wimpern Saum Schlich langsam Thrän' um Thräne, wie im dunkeln Cypressenlaub des Nachtthaus Tropfen funkeln.

Die Vierte, statuenhaft und marmorn, lag Hauchlos, versteinert, kalt und rein und weiß Wie ein gefrorner Bach am Wintertag, Wie auf der Alp ein Minaret von Eis,

Wie Lots Gemahlin, – oder was man mag. Ich habe meine Bilder haufenweis, Nun sucht euch aus! man könnt' auch etwa sagen, Wie ausgehaune Fraun auf Sarkophagen.

Sieh da die Fünfte! – eine Dam' auch sie, Und von „gewissem Alter“, das will sagen, Gewiß schon alt, – wie alt erfuhr ich nie, Denn seit sie zwanzig war, mocht' ich nicht fragen.

Da schlief sie, freilich nicht so niedlich wie Vor dem Beginn der Jahre voller Plagen, Die an den Nagel Fraun und Männer henken, Um über ihre Sünden nachzudenken.

Wie aber träumte oder schlief Dudu? Trotz aller Forschungen erfuhr ich's nimmer, Und eigenmächtig setz' ich nichts hinzu. Nacht war es, und der Lampen bleicher Schimmer

Fiel bläulich in die allgemeine Ruh', Und Geisterschatten huschten durch das Zimmer, Das heißt für Augen, denen Spuk ergötzlich Und wünschenswert erscheint, – da schrie sie plötzlich,

Und zwar so laut, daß aus den Betten flogen Matron' und Mädchen und auch sie, die keins Von beidem waren. Und in Scharen zogen Sie staunend, schüchtern, zitternden Gebeins

Von allen Seiten her, wie Meereswogen. Von all den Weiblein ahnte ja nicht eins, (Ich auch nicht,) was die sonst durchaus nicht kecke, Die sinnige Dudu so laut erwecke.

Wach lag sie da, und um die Schlummerstelle Mit weh'ndem Haar und Draperien der Schwarm, Mit späh'ndem Aug, die Schritte leis' und schnelle, Entblößt der Fuß, der Busen und der Arm, –

Kein Meteor am Pol schien je so helle: So forschten sie, von wannen der Allarm? Denn aufgeregt erschien sie, fiebernd, bange, Das Auge starr und dunkelrot die Wange.

Beglückt ist, wem ein fester Schlaf beschieden? Denkt euch, Juana schlief indeß so tief, Wie je ein Mann bei seinem Weib hienieden Im heil'gen Ehestande schnarchend schlief.

Kein Lärmen schreckte sie aus ihrem Frieden, Bis man sie schüttelt' und bei Namen rief, (So sagt man wenigstens,) worauf sich reckend Sie gähnt' und blinzelte, scheinbar erschreckend.

Nun ward die Untersuchung angefangen, Da aber All' auf einmal reden wollten, Mutmaßten, staunten, auf Erklärung drangen, So hätten, wenn sie Rede stehen sollten,

Die Klügsten kaum befriedigt das Verlangen. Und da Dudu zwar nie für dumm gegolten, Doch auch „kein Redner so wie Brutus“ war, So war die Auskunft Anfangs wenig klar.

Im festen Schlaf (dies war's was sie bekannte,) Hab' ihr geträumt, sie sei im Wald verirrt, „In einem dunklen Walde“, wie einst Dante In jenem Alter, wo man besser wird,

Dem Ruheplatz des Lebens, wo galante Versuchung edle Fraun nicht mehr verwirrt; – Der Wald war voll von Früchten, reif und reizend, Und hohen Bäumen, weit die Wurzel spreizend.

Und mitten drin ein goldner Apfel nickte, Ein wundervoller Pipin; leider hing Er hoch und fern, und sie voll Sehnsucht blickte Empor und warf nach ihm, so gut es ging,

Mit Steinen, welche sie vom Boden pickte, Um ihn zu brechen; doch das böse Ding Hielt fest am Zweig, vor ihren Augen gaukelnd, Stets aber in verwünschter Höhe schaukelnd.

Da plötzlich, als sie kaum noch hoffte, rollte Der Apfel ganz von selber auf den Grund; Sie bückte sich und hob ihn auf und wollte Einbeißen, aber als ihr junger Mund

Die goldne Traumfrucht eben öffnen sollte, Da siehe, flog aus dem gespaltnen Rund Ein Bienchen, und das stach sie bis ins Herz, Und so – erwachte sie und schrie vor Schmerz.

Dies trug sie vor mit sehr bestürzten Mienen, Denn böse Träume machen manche Leute Unglücklich und verwirrt, wenn niemand ihnen Klar machen kann, daß Träumen nichts bedeute.

Ich kannte Träume, die planmäßig schienen, Prophetisch förmlich, oder was man heute „Seltsamen Zufall“ nennt, durch welchen Namen Man sich abfindet mit dem Wundersamen.

Die Damen hatten's ärger sich gedacht Und schimpften etwas, wie Erschrockne pflegen: Ein blinder Lärm! und mitten in der Nacht! Und gar um nichts! das mußte Zorn erregen.

Die „Mutter“ auch war ziemlich aufgebracht, Daß sie ihr warmes Bett des Traumes wegen Verlassen mußt', und schalt nun auf Dudu, Die seufzte, daß der Schrei sehr leid ihr thu'.

„Ich hörte wohl von Hahn und Ochsen sagen, Von Bien' und Apfel aber ist zu toll. Die ganze Oda aus dem Bett zu jagen, – Es ist ja fast, als wär' der Mond schon voll.

Ich glaub', es hat bereits halb vier geschlagen; Du mußt nicht wohl sein, Kind, und morgen soll Der Leibarzt untersuchen, was dies heißt, Daß du hysterisch träumst und schlafend schreist.

Die arme Juana! schläft zum ersten Mal An diesem Ort, und wie ist sie erwacht! Die junge Fremde soll in diesem Saal Allein nicht liegen, hatt' ich mir gedacht;

Dudu ist still, das ist die beste Wahl, Da hat sie sicher eine gute Nacht: Jetzt leg' ich sie, da du nicht ruhig bist, Zu Lolah, wenn ihr Bett auch schmaler ist.“

In Lolah's Augen blitzt' ein Freudenlicht: Dudu indeß, mit Thränen in den ihren, (Vom Schelten oder noch vom Traumgesicht,) Bat, sie für diesmal noch zu amnestiren;

Man soll' ihr doch um Gottes willen nicht (So fuhr sie kläglich fort zu suppliciren) Juana rauben; sie verspreche, Träumen Nie wieder eine Freiheit einzuräumen.

Sie wolle nie mehr träumen, sagte sie, Auf keinen Fall geräuschvoll, so wie eben; Sie selbst begreife nicht, weshalb sie schrie, Es sei nervös und albern, zugegeben,

Absurd und pure Fieberphantasie! Sie sei indeß, man mög' es ihr vergeben, Ein wenig angegriffen, – eine Schwäche, Die gleich verwunden sei, wie sie verspreche.

Und auch Juana unterstützt' ihr Flehn: Sie fühle wirklich hier sich ganz geheuer, Wie schon aus ihrem festen Schlaf zu sehn, Obwohl ein Lärm gewesen wie bei Feuer.

Sie spüre keine Neigung aufzustehn, Der Platz bei ihrer Freundin sei ihr theuer, Die nichts verbrochen hab' und nichts versäumt Als nur einmal mal-à-propos geträumt.

Bei diesen Worten wandte sich Dudu Und barg an Juana's Brust ihr Angesicht; Ihr Nacken nur blieb sichtbar, der im Nu Rot wie die Rose ward, die knospend bricht.

Das Rätsel dieser Störung ihrer Ruh' Und des Errötens Ursach kenn' ich nicht, Ich weiß nur, alles, was ich hier berichte, Ist wahr, so wahr wie unsre Zeitgeschichte.

So gute Nacht denn, oder ganz genau, Gut'n Morgen; denn der Hahn kräht und das Licht Bekleidet Asiens Hügel silbergrau; Der Halbmond der Moschee taucht schon in Sicht

Der Karawane, die im kühlen Thau Langsam und lang durch Felsenpässe bricht, Wo Asiens Dämm' einst aufgerichtet wurden Und Kaffs Gebirg herabschaut auf die Kurden.

Und mit dem ros'gen oder grauen Morgen Stand auch Gulbeyaz auf, mit bleichen Wangen, Wie Leidenschaft aufsteht vom Bett der Sorgen, Und schmückte sich mit Schleier, Mantel, Spangen.

Die Nachtigal, die in der Brust verborgen Den scharfen Dorn trägt, wie die Dichter sangen, Sie hat ein leichter Herz und leichtre Stimme Als Leidenschaft in ihrem dumpfen Grimme.

Und das ist die Moral von dem Gedicht, Wofern man seinen Sinn nur recht erkennt; Geneigte Leser aber thun das nicht, Sie traun mir nicht und haben das Talent

Die Netzhaut abzuschließen gegen Licht; Indessen der geneigte Recensent Den Dichter lieber zausen mag als streicheln, – Sie sind zu viel, er kann nicht allen schmeicheln.

Die Sultanin stand auf vom Kaiserbette, Das weich war wie des Sybariten Pfühl, Der eines Rosenblatts zerknüllte Glätte Zu hart fand für sein zärtliches Gefühl.

Schön war sie, abgesehn auch von Toilette, Nur bleich von Lieb' und Stolz: ihr war so schwül In der Erinnerung an den faux pas, Daß sie nicht einmal in den Spiegel sah.

Zur selben Zeit erhob sich auch desgleichen, Vielleicht ein wenig später, ihr Gemahl, Erhabner Herr von dreißig Königreichen Und einer Frau, die fand, er sei fatal:

Womit die Türken, wenigstens die reichen, Die leicht ihr Eheschiff mit voller Zahl Bemannen können, eher ausgesöhnt sind Als unser eins, für den zwei Fraun verpönt sind.

Viel dacht' er nicht an diesen Gegenstand, Noch überhaupt an irgend was. Als Mann Hatt' er ein hübsches Mädchen gern zur Hand, Wie jemand einen Fächer lieben kann,

Und schaffte drum aus dem Circassierland Zur Kurzweil einen hübschen Vorrat an; Erst kürzlich fiel es ihm urplötzlich ein In seine Frau verliebt und treu zu sein.

Nun stand er auf, und nach der hergebrachten Abwaschung und Gebet und sonst'gen frommen Verrichtungen, wie Türken sie beachten, Ward Kaffee (sieben Tassen) eingenommen.

Dann ging und fragt' er, was die Russen machten, Als welche kürzlich sehr zu Macht gekommen, In Katharina's Zeit, die wir noch schätzen Als größte aller Souverän' und Metzen.

Dich aber, legitimer Alexander, Sohn ihres Sohns, beleid'ge nicht dies Wort, Wenn's dich erreicht, – und manch gereimter Brander Schwimmt heutzutage bis zum Neva-Bord,

Getragen von dem rauschenden Mäander Der Freiheitswogen, welche selbst den Nord Andonnern, – wenn du deines Vaters Sohn Nur wirklich bist, bin ich zufrieden schon.

Zu sagen, daß ein Mensch ein Bastard sei Und seine Mutter keine Misanthropa, Wie Timon war, das gilt für Schimpferei Und für injuriös in ganz Europa;

Großeltern aber sind schon vogelfrei, Und würd' ein ganzer Stammbaum durch den faux pas Nur einer Dam' entehrt, so möcht' ich wetten, Daß auch die besten ihren Makel hätten.

Wenn Kaiserin und Sultan nur verständen, Was ihr Profit wär', – (Fürsten wissen's nie, Bis Unglück sie belehrt mit rauhen Händen,) – So fände leicht sich ein Recept für sie,

Um ihren Streit vorläufig zu beenden, Ohn' alle Waffen und Diplomatie: Auf Gard' und Harem müßten sie verzichten Und dann ein Compagniegeschäft errichten.

Jetzt mußten Hoheit jede Woche sechs Bis sieben Mal auf Weg' und Mittel sinnen Zum Kampf mit dieser kriegerischen Hex' Und Fürstin aller Volksverführerinnen;

Des Staates Pfeiler wurden ganz perplex Und wußten kaum, was sollten sie beginnen? Der Staat drückt seine Pfeiler oft recht scharf, Wenn man nicht neue Steuern machen darf.

Gulbeyaz ging, als sie ihr Herr verließ, In ihr Boudoir, – was Süßres gab es nimmer Für Frühstück oder Lieb', ein Paradies Voll all der Apparate, die ein Zimmer

Fürstlicher Damen zieren: Deck und Fries War funkelnd von Juwelen, und der Schimmer Des Porzellans hielt Blumensträuß' in Haft, Gefangne Tröster der Gefangenschaft.

Perlmutter, Porphyr, Marmor und Email Wetteiferten in diesem Grottensaale; Waldvögel sangen mitten im Serail, Und buntes Glas verlieh dem Sonnenstrahle

Vielfarb'gen Glanz. Indessen das Detail Verdirbt die Wirkung; besser ist's, ich male Nicht zu genau, ein Umriß ist das Beste, Des Lesers Phantasie verhilft zum Reste.

Dorthin beschied sie Baba, um Juan Aus seiner Hand und Kunde zu verlangen Von allem, was geschehen, seit ihr Mann Gekommen und die Mädchen fortgegangen.

Ging alles gut? schloß er sich ihnen an? Blieb er verkleidet? ließ er sich nicht fangen? Und dann vor allen Dingen, wo und wie Er übernachtet habe, fragte sie.

Bei diesem langen Katechismus war Das Antwortgeben schwerer als das Fragen. Baba versetzt', er habe sich aufs Haar Zu thun bemüht, was man ihm aufgetragen,

Er war jedoch verlegen, offenbar, Er zauderte, er wollt' etwas nicht sagen Und kratzte hinterm Ohr sich, – sichres Mittel, Wenn man euch bringt auf kitzliche Capitel.

Gulbeyaz war kein Muster sanfter Ruh', Sie haßte träge Hand und träges Maul Und heischte Antwort rasch, im ersten Nu. Da seine Antwort scheute wie ein Gaul,

Setzte sie ihm mit neuen Fragen zu, Indeß die Rede blieb verstockt und faul; Da flammt' ihr Antlitz und ihr Auge lohte, Der stolzen Stirn Geäder schwoll und drohte.

Jetzt aber legte Baba sich aufs Flehen, Denn dieses Zeichen kündigt' Unheil an; Er bat ums Wort, er wollte ja gestehen, – So kam es denn heraus, daß man Juan

Dudu in Obhut gab, wie wir gesehen: Er sei wahrhaftig keine Schuld daran, Und mächtig nun zu schwören fing der Mohr an Beim heiligen Kamel und auch beim Koran.

Die Disciplin des Harems sei das Fach Der Oberin, die haft' allein dafür Und hersche unbeschränkt im Schlafgemach, Denn Baba's Amt erlösche vor der Thür.

Er, mehrbesagter Baba, hab' hernach Nichts machen können, jede Ungebühr Hätt' ihren Argwohn nur erweckt und mache Nur schlimmer die an sich schon schlimme Sache.

Er hoffe, ja, sei sicher, könn' er sagen, Daß sich Juan gewiß mit feinstem Takt Verstellt hab' und untadelhaft betragen; Denn ein verwegner oder dummer Act

Droh' ihm sofort zum Unheil auszuschlagen, Er würde gleich entlarvt und eingesackt Und in die See geworfen. – Er vergaß Nichts als den Traum Dudu's, der war kein Spaß.

Wohlweislich hielt er den im Hintergrunde Und schwatzte fort, und nicht ein einzig Mal Hemm't ihn ein Zwischensatz aus ihrem Munde. Um ihre Brauen zuckte tiefste Qual,

Ihr Hirn war schwindlig wie von jäher Wunde, Ihr Ohr betäubt, ihr Antlitz aschenfahl; Kalt perlte Herzensthau, erpreßt vom Weh, Auf weißer Stirn wie Thau auf Lilienschnee.

In Ohnmacht fallen war sonst nicht ihr Fach, Jetzt aber glaubte Baba, daß sie falle; Doch nein, es war ein Krampf, kurz, aber, ach, Nie zu beschreiben. Wir vernahmen alle

Und ein'ge fühlten jenes „todesschwach“ Bei irgend einem fürchterlichen Falle, – Sie fühlt' im Herzen Foltern eines Stichs Den sie nicht schildern konnte, – könnte ich's?

Als ob die Pythia auf dem Dreifuß stehe, So stand sie da, ein Bild qualvoller Aengste, Voll der Verzückung, die entsteht im Wehe, Wann alle Herzensfasern, wilde Hengste,

Das Herz zerreißen. Doch es schien, als gehe Der Foltrer Kraft zu Ende, denn die Bängste Sank matt auf ihren Sitz, dann beugte sie Ihr fiebernd Antlitz auf ihr zitternd Knie,

Und wie sie in den Schooß ihr Antlitz legte, Fiel all ihr Haar wie eine Trauerweide, Bis es den Marmor vor dem Stuhle fegte, (Ich meine Sofa, denn es war bloß Seide

Und Polsterung,) und schwarzer Groll bewegte Den Busen stürmisch unter ihrem Kleide, Wie eine Wog' am Riff, das ihren Guß Hemmt, aber doch ihr Wrack aufnehmen muß.

Tief hing ihr Haupt, die langen Haare wallten Dicht wie ein Schleier über ihr Gesicht; Die eine Hand lag auf den seidnen Falten, Weiß, blaß wie Wachs, wie Alabaster licht.

O, wär' ich Maler! könnt' ich voll gestalten, Was der Poet nur in Details zerbricht! O, wären Worte Farben! – sie besitzen Indeß vielleicht die Macht zu leichten Skizzen.

Freund Baba wußte aus Erfahrung immer, Wann Schweigen klug war und zu reden dumm; Mit ihrem Zorn zur rechten wagt' er nimmer, Doch Sturm und Stille, dacht' er, gehen um.

Am Ende stand sie auf und ging im Zimmer Langsam umher, jedoch noch immer stumm; Die Stirn ward hell, das Auge aber grollte, Der Sturmwind sank, die Brandung aber rollte.

Sie stand, als hätte sie zu reden Lust, Dann ging sie, jetzt ganz langsam, hastig jetzt; Dies ist der Gang, wann heftig in der Brust Unruhe tobt. Wie man die Füße setzt,

Zeigt häufig, wie man fühlt, wie schon Sallust Vom Catilina sagt, daß er, gehetzt Von allen Furien der Begierde, dies Sogar durch seine Art zu gehn bewies.

Nun stand sie still und winkte ihm und sagte „Sklav, bring' die Sklavin her!“ – sie sprach es leise, Doch so, daß Baba nicht zu trotzen wagte. Er schaudert' und versucht' auf seine Weise

Zu zögern: er verstand sie wohl, doch fragte Und bat er, daß sie ihm die Gnad' erweise, Zu sagen, welche Sklavin Hoheit meine? Aus Furcht vor Irrthum, wie der letzte kleine.

„Die Georgierin und ihren Schatz,“ versetzte Die hohe Frau. Dann fuhr sie fort: „Das Boot An das geheime Thor, – du weißt das Letzte.“ Ihr Wort erstickte, als sie dies gebot,

So tief auch Lieb' und Stolz ihr Herz verletzte, Und Baba merkt' es gern; in seiner Not Würd' er bei jedem Barthaar des Propheten Um Widerruf des letzten Auftrags beten.

„Dein Wort ist mir Gesetz,“ antwortet' er, „Gleichwohl, – bedenk' die Folgen, Sultanin: Ich werde selbstverständlich dein Begehr Erfüllen und im allerstrengsten Sinn,

Indeß zu große Hast rächt oft sich schwer, Vielleicht auf Kosten meiner Herscherin; Ich rede nicht vom Tod und von Befleckung Des guten Rufs im Falle der Entdeckung;

Von deinem Herzen red' ich. Wenn begraben Auch alles in den Meereswogen ruht, Die manches glüh'nde Herz verschlungen haben, Tief in den Schlünden ihrer Todesflut, –

Du liebst den Fremdling, liebst den schönen Knaben, Und die Gewaltcur thäte schwerlich gut, – Verzeih den Freimut, – aber ihn zu tödten, Das macht dich nicht gesund von deinen Nöten.“ –

„Was weißt du von der Lieb', armselig Ding? Geh und gehorch!“ – Ihr Auge sprühte Feuer. Baba verschwand, sein Heldenmut verging, Er wußte, Zögern wäre nicht geheuer

Und macht' ihn leicht zum eignen „Hämmerling“; Er würde gern dies böse Abenteuer Los sein, eh' jemand Kopf und Hals verlor, Nur zog er seinen Hals den andern vor.

So ging er seines Weges grimm und grämlich Und flucht' in gutem Türkisch und im Stillen Auf alle Frauenzimmer und vornehmlich Auf Sultansweiber und auf ihre Grillen;

Sie seien obstinat, hochmütig, dämlich Und kennten nie zwei Tage ihren Willen; Ihr Dienst sei eine Plag', und die Moral sei So arg, – er danke Gott, daß er neutral sei.

Dann rief er ein'ge andre schwarze Heiden Und schickte einen an das junge Paar: Sie sollten sich, so schön sie könnten, kleiden Und auch sich sauber kämmen, Haar bei Haar,

Hoheit verlange huldreichst nach den Beiden. Der Bote ging, und als er sprach, da war Dudu's Gesicht erstaunt, Juans war länglich Indeß Gehorsam war hier unumgänglich.

Und hier eh' sie erscheinen vor dem Throne, Verlass' ich für ein Weilchen unser Pärchen. Ob nun Gulbeyaz sie demnächst verschone, Ob strafe, so wie in Geschicht' und Märchen

Erzürnte Damen thun in jener Zone, Das hängt an einem Fädchen oder Härchen: Noch steht es so, daß ich nicht übersehn kann, Wie weit die weibliche Caprice gehn kann.

Und so entlass' ich sie nicht ohne Sorgen, Wenn auch mit besten Wünschen, um inzwischen Ein andres Stück Geschichte zu besorgen Und einen neuen Gang euch aufzutischen.

Mein Held ist zwar nicht sicher und geborgen, Indeß wir hoffen, er entrinnt den Fischen, Und so, als Episode, giebt euch jetzo Die Mus' ein kriegerisches Intermezzo.

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Sechster Gesang. · George Gordon Lord Byron · Poetry Cove