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1806

Neunter Gesang.

George Gordon Lord Byron

O Wellington! o Mylord Villainton! (Fama posaunt auf beiderlei Manier Dies große Wort; la grande nation Senkt selbst vor deinem Namen ihr Panier

Und macht ein Wortspiel draus und ein Chanson.) Viel Jahrgehalt' und Lob erwarbst du dir, Und legt ein Mund Protest dawider ein, So steht die Menschheit auf und donnert Nein!

Mir scheint, du hast dich nicht sehr fein betragen In Kinnards Sach', im Grunde war's gemein Und wird wohl mit noch anderm unterschlagen Einst in Westminster auf dem Leichenstein.

Von allem andern ist nicht viel zu sagen, Es ist nur Stoff für Kaffeeklatscherein. Indeß, obwohl als Mensch schon im Verblühn, Sind Durchlaucht doch als Held noch ziemlich grün.

Britannia schuldet (und bezahlt) dir viel, Jedoch Europa's Schuld ist doppelt groß. Du hast den legitimen Krückenstiel Geflickt, (er geht nur manchmal wieder los,)

Und wie du restaurirst in kräft'gem Stil, Das fühlen Belgier, Spanier und Franzos, Und Waterloo hat dir die Welt verpflichtet, Trotz all des Schundes, den man drüber dichtet.

Du bist „der beste Kehlabschneider – –“ Sacht! 's ist Shakspeare's Wort und convenirt uns beiden. Krieg ist, wenn ihn das Recht nicht heilig macht, Blos Hirnzerschmettern und Luftröhrenschneiden.

Ob du ein einz'ges edles Werk vollbracht, Die Welt – nicht ihre Herren – mag's entscheiden. Ich bitte, sag' mir, wer ist heut noch froh (Außer die Deinen) über Waterloo?

Ich bin kein Schmeichler; dir sind Schmeichelein Dein täglich Brot; du liebst, daß man dich nudelt. Kein Wunder! Krieg und Sturm, Jahr aus, Jahr ein, Bekömmt man satt, und statt von Spott gehudelt

Zu werden, steckt man lieber Oden ein Und läßt sich feiern, wenn man glücklich pudelt, Heißt „Retter“ eines Volks, das nicht gerettet ist, „Befreier“ einer Welt, die noch gekettet ist.

Genug. Geh, speise von dem Goldservice, Daß dir der Kaiser von Brasilien gab, Und schick', damit auch er vom Schmaus genieße, Dem Posten vor der Thür ein Stück hinab.

Er focht, doch hat nicht oft Wildprett am Spieße, Und auch dem Volke, sagt man, geht's nur knapp. Gewiß verdienst du selbst das größte Stück, Doch etwas, bitte, gieb dem Volk zurück.

Ich will nicht sticheln; für die Stich' und Stöße Des Spotts ist eure Durchlaucht zu erhaben. Des Cincinatus stolze Römergröße Scheint wenig Reiz für unsre Zeit zu haben.

Du liebst als Ire zwar Kartoffelklöße, Doch braucht man drum Kartoffeln selbst zu graben? Und dann ist eine halbe Million Viel Geld für ein Sabinum, – ohne Hohn.

Nach großem Lohn frug nie ein großer Held: Epaminodas lebt' und starb für Theben Und hinterließ für seine Gruft kein Geld. Washington hatte Dank und nichts daneben

Als wolkenlosen Ruhm, die neue Welt Befreit zu haben. Pitt selbst war im Leben Ein nobler Staatsmann, der mit Stolz regierte Und Großbritannien gratis ruinirte.

Nie hat ein Mensch solch eine große Stunde (Napoleon ausgenommen) so mißbraucht: Du konntest uns befrein vom Zwingherrnbunde, Gesegnet sein, wo jetzt nur Klage haucht,

Und was ist nun dein Ruhm? begehrst du Kunde? Nun, da des Pöbels wüster Rausch verraucht? Geh, sieh dein Vaterland verhungernd liegen, Blick' auf die Welt und fluche deinen Siegen!

Da sich mein Werk mit Kriegen jetzt befaßt, So will ich dir Wahrheiten dediciren, Die du im Hofblatt nie gelesen hast. Man muß die Soldatesca orientiren,

Die von des Landes Blut und Schulden praßt; Die Wahrheit muß heraus, und ohne „Schmieren.“ Du thatest Großes, klein in großer Stunde, So ging das Größte, ging die Welt zu Grunde.

Der Tod lacht. Grüble über dem Gerippe, Dem Bilde jener unbekannten Macht, Die alles niedermäht mit ihrer Hippe, Was anderswo vielleicht als Lenz erwacht.

Der Tod lacht über dich und deine Sippe, Er, welcher stündlich All' erschreckt und macht Aus Jubel Angst, bloß weil sein Stachel droht. Schau! ohne Lipp' und Atem grinst der Tod.

Er hohnlacht über alles, was du bist, Und war doch, was du bist. Von Ohr zu Ohr Kann er nicht lachen, weil er fleischlos ist; Doch, ob das Scheusal das Gehör verlor,

Es lächelt noch und raubt zu jeder Frist Uns unser Kleid, das man den andern vor- Zuziehen pflegt, – die Haut, weiß, schwarz und rot, Er streift sie ab und grinst, der nackte Tod.

Und also lacht der Tod. Ein traurig Lachen, Doch Lachen ist's, und so zum Menschen spricht's: Das Leben soll's wie sein Besieger machen Und lächelnd treten auf das bunte Nichts,

Das wie der Schaum versinkt im Meeresrachen; Und euer Meer, was ist es Angesichts Der ew'gen Sündflut, welche Sonnengluten Auslöscht wie Kerzen, Jahre wie Minuten?

„Sein oder Nichtsein?“ haben wir zu fragen Mit Shakspeare, der jetzt wieder Mode wird. Ich bin kein Alexander und muß sagen, Daß mich abstracter Ruhm nur wenig kirrt;

Viel lieber hab' ich einen guten Magen Als Buonaparte's Krebs. Von Stahl umklirrt, Trüg' ich durch funfzig Schlachten mein Panier Und könnte nicht verdaun, was hülf' es mir?

„O dura ilia messorum!“ „O Ihr harten Schnitterwänste!“ – Wer da weiß, Was Indigestion ist, seufze so! Die innre Höll' ist es und brennt, als sei's

Der Phlegethon der Leber, lichterloh. Kein gräflich Gut gilt mehr als Bauernschweiß; Ob man um Brot pflüg' oder schraub' um Pacht, Das Beste bleibt der beste Schlaf bei Nacht.

„Sein oder Nichtsein?“ Eh' zur Wahl ich schreite, Möcht' ich doch erst, was „Sein“ denn ist, verstehn. Wahr ist's, wir speculiren gern ins Weite Und wähnen uns allwissend, weil wir sehn;

Ich aber schlage mich zu keiner Seite, Eh' beide Seiten nicht zusammengehn. Mir scheint es oft, als ob das Leben mehr Ein Tod als bloßes Atemholen wär'.

„Que sçais-je?“ war Montaigne's Spruch; das Gleiche Lehrt' auch die älteste Akademie; Daß Zweifel alles sei, was man erreiche, War immer ihre Lieblingstheorie.

Eins ist gewiß in diesem Erdenreiche Der eine Satz: Gewißheit giebt es nie! Die Welt ist solch ein Rätsellabyrinth, Daß ich bezweifl', ob Zweifel Zweifel sind.

Mit Pyrrho segeln ohne alle Schranken Durchs Meer des Grübelns, ist vielleicht charmant; Wie aber, wenn das Boot umschlägt beim Schwanken? Ihr Denker seid im Steuern nie gewandt,

Und schwimmt man lang im Abgrund der Gedanken, So wird man matt. Ein stiller, seichter Strand, Wo man sich bückt und bunte Muscheln immer Auffischen kann, das paßt für mäß'ge Schwimmer.

„Der Himmel deckt,“ wie Cassio sagt, „uns alle, Kommt, laßt uns beten.“ Seien wir beflissen Für unsrer Seelen Heil. Seit Adams Falle Wird alle Menschheit in das Grab gerissen,

Sammt allen Bestien. „Ob der Sperling falle, Sei Fügung,“ sagt man, wenn wir auch nicht wissen, Was er verbrochen hat. Vermutlich saß Er auf dem Baum, von welchem Eva aß.

O große Götter! sagt, was ist Theogonie? O du, zu kleiner Mensch! was ist Philanthropie? O Welt, die war und ist! was ist Kosmogonie? Etwelche Leute zeihn mich der Misanthropie,

Indessen dies mein Schreibpult, dies Mahagoni Mag sie verstehn, ich nicht. Wär's noch Lykanthropie; Das fass' ich; denn auch ohn' euch zu verstellen, Seid ihr, o Menschen Wölf', um Bagatellen.

Ich aber ein gelassner, sanfter Mann, Wie Moses, wie Melanchthon, der ich nie Was übermäßig Hartes that und sann Und (wenn ich auch nicht stets die Despotie

Des Fleisches oder Geistes brechen kann,) Doch immer gerne schonte und verzieh, – Mich nennt ihr Misanthrop? Weshalb? Weil ihr Mich haßt, ich euch nicht. Aber schweigen wir.

Vorwärts mit unsrem trefflichen Gedichte, – Ich find es nämlich wirklich excellent, Sowohl das Vorspiel wie die Hauptgeschichte, Obwohl man eben jetzt mich sehr verkennt.

Was thut's? Die Wahrheit wird im schönsten Lichte Sich zeigen im geeigneten Moment; Bis dahin muß ich in Geduld einstweilen So ihr Exil wie ihre Schönheit theilen.

Mein Held (und hoffentlich, o Freund, auch deiner) Befand sich auf der Reise zu den Mauern, Die Peter aufgebaut als Hauptstadt seiner Polirten, tapfren mehr als witz'gen Bauern.

Dies mächt'ge Reich ist jetzt das Thema feiner Lobhudler, Voltaire's selbst, – was zu bedauern; Mir schien ein unbeschränkter Herscher immer – Nicht ein Barbar, o nein, bei weitem schlimmer.

Krieg schwör' ich Jedem, wenigstens in Reden, Vielleicht in Thaten einst, er den Gedanken Bekriegt, und jeden Sykophanten, jeden Despoten foder' ich in meine Schranken.

Ich weiß es nicht, wer siegt in diesen Fehden, Doch wüßt' ich's auch, ich würde nimmer schwanken; Nichts wird den tiefen, offnen Haß je ändern, Haß aller Tyrannei in allen Ländern.

Nicht daß ich schön mit eurem Volke thäte; Es giebt auch so schon manchen Demagogen, Der jeden Kirchthurm gern zu Boden träte Und käm' mit seinen Götzen dann gezogen.

Ob Höllen ernten muß, wer Zweifel säte, Nach der Behauptung großer Theologen, Wer weiß? Ich wünsche, daß die Menschheit frei Von Thron und Pöbel, von uns allen sei.

Und weil ich kein Parteimann bin, so bin ich Den sämmtlichen Partein verhaßt. Schon gut. Mein Wort ist mindestens so warm und innig, Als wenn ich segelte mit Wind und Flut.

Wer nichts mehr sucht, ist auch nicht doppelsinnig; Wer Unrecht weder leiden will noch thut, Der darf sich frei ergehn, wie ich es werde, Fern von der Sklaven schrei'nder Schakalherde.

Das ist ein gutes Bild, die Schakalmeute. In Ephesus hört' ich bei Nacht sie schrein, Ganz wie dies feige Pack gedungner Leute, Spürhunde der Gewalt, – sie schnüffeln fein,

Des Abfalls wegen, für den Herrn nach Beute. Nur ist der Schakal weniger gemein: Er pirscht für tapfre Leun mit scharfen Sinnen, Dies menschliche Geschmeiß sucht Fraß für Spinnen.

Hebt nur den Arm, so ist ihr Netz zerstört, Daß Gift und Kralle nimmer schaden mag. Hör', gutes Volk, – nein, all ihr Völker hört, Was ich euch sage: schlagt mit raschem Schlag!

Wenn ihr euch nicht zu einem Kampf verschwört, Wächst der Taranteln Netz mit jedem Tag. Die Bien' Athens und Spaniens Flieg' allein Sticht tapfer schon, sich selber zu befrein.

Juan war unterwegs, um den Bericht Von jener Schlacht der Czarin zuzustellen, Der Blut besprach, wie man von Wasser spricht; Wo Leichen, dicht wie Halm' auf todten Wällen,

Nur dienten Katharina's Angesicht Sanft aufzuheitern; denn sie sah Duellen Der Völker zu, als ob Kampfhähne föchten, Und wünschte nur, daß ihre stehen möchten.

Und seines Wegs in der Kibitka rollt' er, (Ein teuflisch Fuhrwerk das, ein Marterbette, Auf schlimmen Straßen eine schlimme Folter.) Und dacht' an Ritterehr' und Epaulette

Und seine Thaten, und zuweilen wollt' er, Daß jeder seiner Gäule Flügel hätte, Oder doch wenigstens sein Wagen Federn, Wann er in Löcher sank mit allen Rädern.

Bei jedem Ruck, – ach, allzu häufig nur! – Pflegt' er sein kleines Mündel anzusehn, Als wünsch' er ihr zu mildern die Tortur Auf diesen frei entstandenen Chausseen,

Dem stolzen Werk der lieblichen Natur. Die pflastert nicht und läßt kein Postschiff gehn; In ihrem Reich nimmt Gott so Meer wie Land, Fischfang und Feldbau in die eigne Hand.

Pacht wenigstens bezahlt er nicht. Er ist, Wie wir es nannten, „Gentleman und Landwirt,“ Ach, eine Race, die zu dieser Frist, Wo Pacht ein Traum ward, äußerst rar im Land wird.

Den „Gentlemen“ geht's traurig, wie ihr wißt, Der „Landwirt“ seufzt, daß lahm der Ceres Hand wird: Sie fiel mit Bonaparte, – tolle Welt, Wo mit den Kaisern auch der Hafer fällt!

Juan sah seine holde Kleine an, Die er dem Mord entriß mit seiner Waffe, – O ihr, die ihr Trophä'n baut himmelan Mit Blut, wie Nadir Schah, der grimme Lasse,

Der nichts als Trümmer ließ in Hindostan Und selbst dem Mogul kaum ein Täßchen Kaffee Als Trost im Leiden, und durch Mörder starb, Weil er bei Tisch den Magen sich verdarb, –

O ihr! o wir! o er! o sie! erwägt, Daß ein gerettet Haupt, zumal das junge Und niedliche, viel süßre Früchte trägt Als selbst der grünste Lorber, der im Dunge

Menschlichen Moders seine Wurzeln schlägt, Trotz alles Ruhms der Feder oder Zunge. Ob tausend Harfen schallen, wenn dein Herz Nicht einstimmt, ist dein Ruhm ein tönend Erz.

O ihr Autoren, reich an Geist und Bänden, Ihr zehnmal hunderttausend Zeitungsschmierer, Die durch Pamphlet' und Blätter Weisheit spenden, Ob ihr nun schreibt im Solde der Regierer,

Daß wir bei Schulden uns ganz herrlich ständen, Ob ihr mit plumpem Fuß die Fersen ihrer Hofleute stampft, – ihr findet euer Brot Durch Schriften über Englands Hungersnot; –

O ihr Autoren! – à propos des bottes, Ich hab' vergessen, was ich sagen wollte; Es war inzwischen etwas, was die Rotte Der Unzufriedenen versöhnen sollte,

Paläst' und Hütten und Armee und Flotte. Ich tröste mich; was hülf's auch, wenn ich schmollte? Und weggeworfen wär' es doch gewesen, Wenn auch natürlich wunderschön zu lesen.

Sie finden es vielleicht in künft'gen Tagen Mit andren Trümmern einer „frühern Welt,“ Wann wir die Urwelt sind, die Unterlagen, Zerzaust, zerquetscht, zerknittert und zerschellt,

Zerkocht, zerbraten, kurz und klein geschlagen, Wie alle Welten vor uns; – denn man schnellt Erst aus dem Chaos und sodann hinein, Und Chaos wird auch unsre Decke sein,

Sagt Cuvier. Und die neue Schöpfung gräbt Aus unserm alten Schutte dann gewiß Die Reste von Geschöpfen, die gelebt, Geheimnißvoll, umhüllt von Finsterniß,

Dem Bilde ähnlich, welches vor uns schwebt, Von Riesen und Titanen, Kerlen bis Dreihundert Fuß hoch, (Meilen wär' zu viel,) Von Mammuth oder Flügelkrokodil.

Denkt, George der Vierte würde ausgegraben! Ein solcher Zukunftsmensch begriffe nicht, Was wir der Creatur zu fressen gaben: – Er selbst ist nämlich nur ein kleiner Wicht.

Auch Welten, die zu häufig jungen, haben Miswochen, weil's zuletzt an Stoff gebricht, Und jede neue Welt muß kleiner werden, – Wir sind Gewürm in Leichen ries'ger Erden.

Wie wird dem neuen Volk, wenn es, verbannt Aus irgend einem neuen Eden, hackt Und gräbt und schwitzt und pflanzt und mäht das Land Und spinnt und mahlt und aussät und sich plackt,

Bis jede Kunst da steht, wo sie schon stand, Besonders Krieg und Steuern, – wie vertrackt Wird ihm ein Rest von unseren Gebeinen, Aehnlich wie Monstra in Museen, erscheinen!

Doch still. Ich werde wirklich ganz prophetisch. „Die Zeit ist aus den Fugen“ – und auch ich. Ich will ja drollig sein und nicht pathetisch, Und nun verirr' ich gar ins Trockne mich!

Ich schreib' ohn' allen Plan, was zu poetisch Am Ende ist: man soll doch eigentlich Bedenken, was man schreibt. Ich meines Orts Weiß nie den Anfang meines nächsten Worts.

Ich lasse mich so treiben, bald erzählend, Bald grübelnd. Also jetzt wird mal erzählt. Wo blieb Juan? Auf seine Pferde schmählend. Jetzt aber wird ein raschrer Gang gewählt,

Ich übergeh' die Reis' und all ihr Elend, Da es ja nicht an Reiseskizzen fehlt. Denkt euch, daß Petersburg jetzt vor euch steh', Die schöne Hauptstadt von getünchtem Schnee.

Denkt euch Juan superb uniformirt, Scharlach und schwarz, mit galonnirtem Hute, Den eine lange weiße Feder ziert, Als ob im Sturm ein frisches Segel flute.

Die kurzen Hosen schimmern, wie polirt, Von gelbem Kasimir, wie ich vermute; Milchweiße Strümpfe, deren Seidenglanz Vortreten ließ der Formen Eleganz.

Denkt euch ihn, mit dem Degen und dem Hut, Herausgeputzt von Jugend, Ruhm und Schneider, Dem großen Zaubrer, welcher Wunder thut; Er macht sogar Natur zum blassen Neider,

Weil er durch Kunst verschönt ihr rohes Gut, (Wenn er's nur nicht einklemmt in enge Kleider.) Beseht ihn euch mit dichterischer Brill, er ist Amor, verkappt als reizender Artillerist.

Die Flügel schrumpfen ein zu Epauletten, Die Augenbinde schlingt sich als Kravatte, Der Köcher wird zur Scheid' und trägt den netten Stahldegen statt der Pfeile, die er hatte;

Der Bogen wird zum Hut; doch will ich wetten, Daß Psyche glauben würd', er sei ihr Gatte, Falls sie nicht klüger ist als andre Damen, Die auch auf diesen dummen Einfall kamen.

Die Damen zischelten, die Herren starrten, Die Czarin lächelte, der Günstling schmollte; Ich kann nicht sagen, wer just diesen harten Und schweren Dienst versah, auch wenn ich wollte,

So Viele hatten dieses Amts zu warten, Seit Majestät die Witwenfahn' entrollte, – Sechs Fuß hoch waren Alle, stark und tüchtig, Da würd' ein Patagonier eifersüchtig.

Juan war anders, schlank und jüngferlich, Bartlos und blühend, aber man entdeckte Im ganzen Gliederbau und namentlich Im Aug' ein Etwas, das den Argwohn weckte,

Daß, wenn er sonst auch einem Seraph glich, Ein Mann in dieser Engelshülle steckte. Auch liebte Katharina manchmal Knaben; Der blonde Lanskoi war erst jüngst begraben.

Scherbatoff, Jermloff und die andern „off“ en Besorgten folglich nicht ganz ohne Fug, Der Czarin Herz, (gewöhnlich stand es offen,) Sei für ein neues Glück nicht weit genug.

Und dies war ein Gedanke, welcher Hoffen Und Mut des Mannes etwas niederschlug, Der eben damals diese imposante „Vertrauensstellung“ hatte, wie man's nannte.

Fragt ihr, o Damen, was Diplomatie Mit dieser Phrase meint, so requirirt Die rednerischen Gaben des Marquis Von Irlands Londonderry und studirt

Die tolle Wortverschlingung, die noch nie Ein Mensch verstand, doch Jeder respectirt, Und schält den droll'gen Nichtsinn daraus los, Den einz'gen Inhalt dieses Wörterstrohs.

Ich denk', ich kann mich ohne ihn erklären, Dies schlimme Raubthier, das ich nicht versteh', Sphinx, deren Wort' ein ewig Rätsel wären, Wenn man die Lösung nicht in Thaten säh',

Monströse Rune, Rinne voller Zähren Und Blut, den bleiernen Lord Castlereagh. Hier muß ich eine Anekdot' erzählen, Sie ist nur kurz; nicht lang will ich euch quälen.

Jüngst fragte eine Britin ein'ge Damen In Rom nach der Bedeutung und dem Zwecke Des mystischen Geschöpfs, des wundersamen, Das immer hinter hübschen Frauen stecke

Und wie Pygmalion, heiß' es, unterm Namen Des Cavalier Servente Stein' erwecke. Die Römerin versetzt', als man sie preßte, „Das müssen Sie sich denken, meine Beste.“

So bitt' auch ich, daß ihr die Huld mir schenkt Und euch des Favoriten Wirksamkeit Mit zartem frauenhaftem Sinne denkt. Er war, wenn nicht an Rang, in Wesenheit

Der erste Mann im Reich. Und, gelt, da kränkt Rivalität, zumal in einer Zeit, Wo jedes Schulternpaar von breitem Maß Die Curse hob und den, der es besaß.

Juan besaß Schönheit von jener Art, Die ihre zarte knabenhafte Frische Auch in dem strupp'gem Alter noch bewahrt, Das sie durch Bärt' entstellt, – das schwärmerische

Parisgesicht, das Troja's Unheil ward Und erster Scheidungsgrund; ich such' und fische Die Chronik des Skandals durch, find' indeß, Den Anfang macht der troische Prozeß.

Die Czarin liebte viel, (nur nicht den Czaren, Den heimgegangnen,) ries'ge Herrn zumal, Die zarten Dämchen stets ein Greuel waren. Indessen konnt' auch sie sentimental

Zu Zeiten sein; in allen ihren Jahren Litt sie um Lanskoi ihre tiefste Qual; Gar manche Thräne kostete er ihr, Und war doch nur ein mäß'ger Grenadier.

O du teterrima causa jedes belli, Du dunkles Thor des Todes und des Lebens, Durch das wir aus- und eingehn, das ein Quell hie Der Seelen ist (wie? fragen wir vergebens,) –

Weil dem Versucher er sein Ohr zu schnell lieh, Fiel einst der Mensch; was aber des Erhebens Und Falls der Menschen spätre Ursach war, Das machst du über allen Zweifel klar.

Man nennt dich schlimmste Kriegsursache. Mir Scheinst du die beste, wenn mans recht erwägt: Wir kommen von, und zu dir gehen wir. Weshalb nicht Land und Stadt in Schutt gelegt,

Damit man dich erlange? Denn von dir Stammt alles Leben, das die Erde trägt: Mit dir wie ohne dich steht oder stände Alles am Ziel, du Meer der Lebenssände!

Die Czarin war die Haupt-Epitome Von dieser großen Ursach blut'gen Kriegs Und auch des Friedens, – alles, was nur je Ist oder war, aus diesem Schooße stieg's;

Und daß ein schöner Herold vor ihr steh', Um dessen Federn flog der Glanz des Siegs, Gefiel ihr. Knieend reicht' er den Bericht, Doch sie, zerstreut, erbrach das Siegel nicht.

Jetzt, sich besinnend war sie Kaiserin, Doch blieb sie Weib zugleich, – das Weib nahm immer Drei Viertel von dem großen Ganzen hin. Sie riß den Brief auf, stille ward's im Zimmer,

Der Hof bewacht' ihr Antlitz, bis darin Ein stolzes Lächeln aufging, dessen Schimmer Gut Wetter kund gab. Ihr Gesicht war adlich, Nur zu geräumig, Aug' und Mund untadlig.

Sie hatte große Freud', ich meine viel: Erst eine Stadt verbrannt, ein Meer von Blut. Stolz und Triumph durchflammt' ihr Mienenspiel Wie Indiens Meere Morgensonnenglut.

Ihr Ruhmdurst war gelöscht, sie war am Ziel! So trinkt Arabiens Sand die Sommerflut, – Umsonst! Wie Thau den ewig durst'gen Sand, So netzt das Blut der Herschsucht kaum die Hand.

Die zweite Freude war mehr Scherz. Sie las Suwaroffs tolle Knittelvers' und lachte, Daß er erschlagne Tausende zum Spaß In russische verrückte Reime brachte.

Die dritte war ganz weiblich, man vergaß Den Schauder, der das Blut gerinnen machte Und macht, wann Mordlust Souveräne kitzelt Und dann ihr General darüber witzelt.

Die ersten beiden Freuden hatten ihr Gesicht verklärt, und die Umgebung blickte Auf einmal so holdselig wie die Zier Der Blumen, die ein Regen sanft erquickte.

Als aber Majestät dem Offizier Zu ihren Füßen gnäd'gen Willkomm nickte, (Denn Jugend zog sie fast Depeschen vor,) Da spitzte alle Welt gespannt das Ohr.

Sie war was voll und üppig, und wann bös, Ein bischen Wüterich; in guten Stunden Dagegen hübsch genug, sogar pompös, Für jeden Freund des Ros'gen, Reifen, Runden.

Sie zahlte Liebesblicke scrupulös Mit Zinsen heim, trieb aber auch von Kunden Sehr streng Cupidos Wechsel ein, nach Sicht, Ohn' Abzug; Diskontiren litt sie nicht.

Dies letztre, wenn auch oft recht nützlich, that Bei ihr nicht Not; es fehlt ihr nicht an Reizen; Sie schien ganz freundlich, wenn ihr sie so saht; Auch pflegte sie bei Freunden nicht zu geizen.

Der Mann, der einmal ihr Boudoir betrat, Der war versorgt, dem blühte bald sein Weizen; Denn wenn auch gegen Völker unversöhnlich, So mochte sie die Männer doch persönlich.

Seltsames Thier der Mensch! und Weiber gar! Ihr Kopf, ihr Herz, was für ein Labyrinth! Was für ein Strudel, tief und voll Gefahr! Vermählt, verwitwet, ledig, immer sind

Sie rastlos wie der Wind und wandelbar. Man glaubt, man kenne sie, und dann beginnt Die Sache erst recht rätselhaft zu werden; Das ist uralt und immer neu auf Erden.

O Katharina! – denn viel „Ah's“ und „O's'“ Gebühren dir mit Recht in Lieb' und Kriege; – Wie schwirren die Gedanken doch curios, Als ob ein Schwarm toll durch einander fliege!

Die deinen flogen jetzt recht wild drauf los: Der erste zu Suwaroffs großem Siege, Der zweite dacht' an frisch gebackne Ritter, Und für den hübschen Herold war ein dritter.

Vom Gott Mercur spricht Shakspeare, „wann er eben Auf himmelküssende Höhn sich niederschwang;“ So etwas schien der Czarin vorzuschweben, Als dieser Herold kniete beim Empfang.

Zwar mochte sich die „Höh“ recht steil erheben Für einen Leutnant, aber Kunst bezwang Den Simplon, und mit Gottes Hülfe müssen Jugend und Frische stets den „Himmel küssen.“

Sie sah herab, er sah hinauf, und das Macht' ihn und sie verliebt, – sie in Gestalt, In Anmut, in Gesicht, in Gott weiß was; Denn Amors Kelch berauscht die Herzen bald

Mit seinem Opium oder „schwarzen Naß“ Und borgt nicht erst vom Humpen Kraft und Halt. Ein liebend Auge schlürft mit seinem Sehnen Den Born des Lebens leer, – bis auf die Thränen.

Er seinerseits ist kaum verliebt gewesen; Ein andrer Trieb erwachte mächtig drinnen, Die Eigenliebe! die, wenn höhre Wesen, Zum Beispiel Prima Donna's, Tänzerinnen,

Duchessen, Kaiserinnen, uns erlesen Vor allen Andern für ein flüchtig Minnen, Die Wirkung hat, daß wir im Allgemeinen Uns selbst als ganz famose Kerl' erscheinen.

Auch war er noch dem Alter nicht entronnen, Wo alle Weiberalter gleich erfreuen, Wo man hinabspringt, eh' man sich besonnen, Ins nächste Meer, wie Daniel zu den Leuen

Um möglichst rasch die eingebornen Sonnen Zu kühlen und in tiefen Wogenbläuen Zwielicht zu machen wie es Helios Glut Im Schooß der Salzsee oder Thetis thut.

Und Katharina, das ist unbestritten, Wenn sie für irgend jemand Feuer fing, So war das schmeichelhaft und gern gelitten. Denn jeder Günstling war ein Kaiserling,

Nach schäferlichem Muster zugeschnitten, Gemahl in jedem Stück, bis auf den Ring, Der just das Schlimmste ist beim Ehestand, So daß der Honig blieb, der Stachel schwand.

Sie stand im Meridian der Reiz', und siehe, Wie blau ihr Auge, oder grau wie Stahl! Ein solches Auge, wenn es Geist hat, ziehe Ich vor und glaub', es ist die richt'ge Wahl:

Napoleon und die schottische Marie Leihn dieser Farbe Glanz und höh'ren Strahl; Auch Pallas ist zu weis', um auszuschauen Mit schwarzen Sehwerkzeugen oder blauen.

Der kaiserliche Wuchs, des Lächelns Güte, Die Fülle, der Geschmack, den sie bewiesen, Daß sie für einen Knaben lieber glühte Als für der Messalina würd'ge Riesen,

Ihr Lebenssommer, just in saft'ger Blüte, Nebst andren Extradingen außer diesen, All dies, ja eins von allen diesen Sachen, Konnt' einen Milchbart wohl sehr eitel machen.

Und das genügt. Denn Lieb ist Eitelkeit, Und Selbstsucht ist ihr Anfang und ihr Ende, Falls sie nicht Wahnsinn ist, Verschrobenheit, Die gerne ganz verschmölz' und sich verbände

Mit nicht'ger Schönheit, ohne deren Kleid Die Leidenschaft wahrscheinlich nicht bestände; Weshalb auch mancher heidnische Gelehrte Die Lieb' als Urquell aller Dinge ehrte.

Nebst der platon'schen und der Gottesliebe, Gefühlslieb' und der Lieb' ehrbarer Paare – – (Nun reim' ich mit dem alten Dampfboot „Triebe“, Ob's auch Vernunft in Grund und Boden fahre;

Reim und Raison, die wechseln Püff' und Hiebe, Weil er den Wohllaut will und sie das Wahre;) – Nebst allen jenen Titeln für die Minne Giebt's noch ein andres Ding, das nennt man Sinne;

Die Triebe, die in unserm Fleisch erstehn, Daß alles Fleisch vom Staub empor verlanget, Um ganz in einer Göttin aufzugehn, (Was jedes Weib ist, wann das Stück erst angeht.)

Wie schon die Zeit! und welche Fieberwehn, Der Rausch, der der Ernüchterung vorangeht! Die ganze Art, wie Seel' und Erdenkloß Vereinigt wird, wie äußerst curios!

Die reinste Art der Lieb' ist die platonische, Für End' und Anfang, und die nächste dann Ist eine Sort', ich nenn' sie die „canonische“, Der Clerus nämlich nimmt sich ihrer an;

Die dritte Gattung blüht als autochthonische In jedem Christenland und zeigt sich, wann Ehrbare Fraun zu andern Banden noch Hinzuthun – – nennt's „verkapptes Ehejoch“.

Indeß ich lasse die Geschichte sprechen. Juan ließ sich von dieser Kaiserin Durch Liebe (oder Sinnlichkeit) bestechen: Ich kann nichts streichen, da ich eilig bin,

Die zwei sind so vermischt mit unsern Schwächen Wer eine nennt, zielt oft auf beide hin, Und Rußlands Fürstin war in solchen Fällen Nicht besser als gemeine Nähmamsellen.

Der ganze Hof zerfloß in ein Gemunkel, Und jede Lippe lag an jedem Ohr; Die Runzeln ältrer Damen wurden dunkel, Und schmunzelnd zischelte der jüngre Flor

Und tauschte Blick' aus, schelmisches Gefunkel: Des Neides Thräne aber quoll empor In den umwölkten Augen all der Granden Des steh'nden Heeres, die daneben standen.

Schon fragten die Gesandten aller Länder, Wer dieser neue junge Fremde sei, Der so im Nu (nie stieg ein Mensch behender) Ein großer Mann zu werden prophezei'.

Schon sahn sie, wie Geschenk' und Ordensbänder Hernieder regneten auf ihn, dabei Die Rubel auch in silberblanken Schauern, Ganz abgesehn von ein'gen tausend Bauern.

Die Czarin war freigebig gegen Herrn, Und Liebe macht ja alle Herzen weit, Wie auch die Weg' ins Herz, nah oder fern, Hoch oder tief, Schlagbäume eng und breit;

Die Liebe – (nur, sie hatte Krieg zu gern Und leider nicht mehr Sinn für Häuslichkeit Als Klytämnestra; zwar, statt zwei zu plagen Mag's besser sein, den einen todt zu schlagen;) –

Die Liebe macht' in Rußland reich und fett, Da Katharin' im Geldpunkt anders dachte Als unsre halb-ehrbare Elisabeth, Der jede Barvergütung Kummer machte,

Die, knickrig, heuchlerisch, versteckt kokett, Schand' über ihr Geschlecht und Stellung brachte, Obschon Gewissensbiss' um den gestürzten, Geköpften Liebling ihre Tage kürzten.

Der Hof brach auf, und auseinander stoben Die Cirkel des Lever, und die Gesandten, Die eifrig sich durch das Gewimmel schoben, Umdrängten huldigend den Unbekannten;

Auch rauschten sanfter Damen weichre Roben, Denn Damen sind gewöhnlich Spekulanten Und speculiren auf ein hübsch Gesicht, Besonders wenn es Würd' und Rang verspricht.

Juan, der plötzlich sich umworben fand, Verbeugte sich graziös bei all der Cour, Als hätt' er nie was anderes gekannt. Er war bescheiden, aber die Natur

Schrieb „Gentleman“ mit leserlicher Hand Auf seine Stirne. Wenig sprach er nur, Doch sachgemäß, und Grazien senkten ihre Anmut auf seinen Scheitel wie Paniere.

Die Majestät befahl den jungen Mann In der bestallten Diener Sorg' und Hut; Die ganze Welt schaut' ihn sehr freundlich an, (Wie sie's beim ersten Anblick manchmal thut,

Was sich die liebe Jugend merken kann;) Auch Fräulein Protasoff war lieb und gut, – Ihr mystisch Amt war das der „Eprouveuse“, Ein Rätsel, das die Mus' und ich nicht löse.

Mit dieser zog er sich zurück. Ich thät' Desgleichen gern, – bis Pegasus die Zügel Wieder zerknirscht und flaches Land verschmäht. So „himmelküssend“ war der letzte Hügel,

Zu dem er flog, daß mein Gehirn sich dreht Sammt meiner Phantasie wie Mühlenflügel, – Ein Wink für meine Nerven, durch die breiten Laubgäng' einmal gemütlich auszureiten.

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