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1870

Zweites Kapitel

Wilhelm Busch

Nachdem die Welt so manches Jahr Im alten Gleis gegangen war, Erfuhr dieselbe unvermutet, Daß, als der Wächter zwölf getutet,

Bei Klecksels, wohnhaft Nr. 3, Ein Knäblein angekommen sei. – Bald ist's im Kirchenbuch zu lesen; Denn wer bislang nicht dagewesen,

Wer so als gänzlich Unbekannter, Nunmehr als neuer Anverwandter, Ein glücklich Elternpaar besucht, Wird flugs verzeichnet und gebucht.

Kritzkratz! Als kleiner Weltphilister Steht Kuno Klecksel im Register. – Früh zeigt er seine Energie, Indem er ausdermaßen schrie;

Denn früh belehrt ihn die Erfahrung: Sobald er schrie, bekam er Nahrung. Dann lutscht er emsig und behende, Bis daß die Flüssigkeit zu Ende.

Auch schien's ihm höchst verwundersam, Wenn jemand mit der Lampe kam. Er staunt, er glotzt, er schaut verquer, Folgt der Erscheinung hin und her

Und weidet sich am Lichteffekt. Man sieht bereits, was in ihm steckt. Schnell nimmt er zu, wird stark und feist, An Leib nicht minder wie an Geist,

Und zeigt bereits als kleiner Knabe Des Zeichnens ausgeprägte Gabe. Zunächst mit einem Schieferstiele Macht er Gesichter im Profile;

Zwei Augen aber fehlen nie, Denn die, das weiß er, haben sie. Durch Übung wächst der Menschenkenner. Bald macht er auch schon ganze Männer

Und zeichnet fleißig, oft und gern Sich einen wohlbeleibten Herrn. Und nicht nur, wie er außen war, Nein, selbst das Innre stellt er dar.

Hier thront der Mann auf seinem Sitze Und ißt z.B. Hafergrütze. Der Löffel führt sie in den Mund, Sie rinnt und rieselt durch den Schlund,

Sie wird, indem sie weiterläuft, Sichtbar im Bäuchlein angehäuft. – So blickt man klar, wie selten nur, Ins innre Walten der Natur. –

Doch ach! wie bald wird uns verhunzt Die schöne Zeit naiver Kunst; Wie schnell vom elterlichen Stuhle Setzt man uns auf die Bank der Schule!

Herr Bötel nannte sich der Lehrer, Der, seinerseits kein Kunstverehrer, Mehr auf das Praktische beschränkt, Dem Kuno seine Studien lenkt.

Einst an dem schwarzen Tafelbrett Malt Kuno Böteln sein Portrett. Herr Bötel, der es nicht bestellt, Auch nicht für sprechend ähnlich hält,

Schleicht sich herzu in Zornerregung; Und unter heftiger Bewegung Wird das Gemälde ausgeputzt. Der Künstler wird als Schwamm benutzt.

Bei Kuno ruft dies Ungemach Kein Dankgefühl im Busen wach. – Ein Kirchenschlüssel, von Gestalt Ehrwürdig, rostig, lang und alt,

Durch Kuno hinten angefeilt, Wird fest mit Pulver vollgekeilt. Zu diesem ist er im Besitze Von einer oft bewährten Spritze;

Und da er einen Schlachter kennt, Füllt er bei ihm sein Instrument. Die Nacht ist schwarz, Herr Bötel liest. Bums! hört er, daß man draußen schießt.

Er denkt: Was mag da vor sich gehn? Ich muß mal aus dem Fenster sehn. Es zischt der Strahl, von Blut gerötet; Herr Bötel ruft: „Ich bin getötet!“

Mit diesen Worten fällt er nieder Und streckt die schreckgelähmten Glieder. Frau Bötel war beim Tellerspülen; Sie kommt und schreit mit Angstgefühlen:

„Ach Bötel! lebst du noch, so sprich!“ „Kann sein!“ – sprach er – „Man wasche mich!“ Bald zeigt sich, wie die Sache steht. Herr Bötel lebt und ist komplett.

Er ruft entrüstet und betrübt: „Das hat der Kuno ausgeübt!“ – Wenn wer sich wo als Lump erwiesen, So bringt man in der Regel diesen

Zum Zweck moralischer Erhebung In eine andere Umgebung. Der Ort ist gut, die Lage neu. Der alte Lump ist auch dabei. –

Nach diesem schon öfters erprobten Vermerke Fahren wir fort im löblichen Werke.

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