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1680–1747

Zufällige Rosen-Gedanken.

Barthold Heinrich Brockes

Wie jüngst von einem Rosen-Busch ich eine frische Rose brach, Die der gefallne Thau noch netzte, Und sie mir den Geruch und Blick, durch ihren Duft und

Schmuck, ergetzte; So dacht’ ich beyden weiter nach. Es gaben der Geruch und ihrer Farben Schein Mir folgende Gedanken ein:

Es scheint fast auf der Welt kein Cörper zugeschickt, Und welchem solche’ Schönheit eigen, Das schöne Licht so schön zu zeigen, Als wie man an der Ros’ erblickt,

Indem in solcher Lieblichkeit, In solcher Vollenkommenheit, Die Röhte sich darauf so süß gemenget findet, Daß sie, fast selbst die Unaufmerksamkeit,

Zum Denken und zur Lust verbindet. Wie ich sie nun hierauf vor meine Nase hielte, Und mich gerührt, von ihrem Balsam, fühlte; Erwog ich, wie es doch geschehe,

Daß solche Lust in uns entstehe! Es kam mir vor, als ob der trockne Saft, Und die so süß in ihr vereinte Kraft, Gerad’ in unser Hirn nicht eile,

Nein, daß dieselbe sich zertheile, Und mit dem Athem auch sich zu der Lunge führe, Einfolglich uns gedoppelt rühre. Es scheint, als ob, auf diese Weise,

Die Ros’ uns Geist und Cörper speise, So im Gehirn als in der Brust, Und dieß verdoppelt unsre Lust. Ach! daß es, wenn man es bedächte,

Auch unsern Dank verdoppeln mögte! Indem ich ferner mich nun am Geruch vergnüge, Und öfters sie zu meiner Nase füge; So dünkte mir, daß ich annoch entdecke,

Wie etwas Lehr-reichs noch in ihrem Ambra stecke. “holde Rose, da mein Geist, durch dein Düften recht gerühret, „deiner süssen Lieblichkeit fast beseel’nde Kräfte spühret;

„werd’ ich innerlich erfrischt „durch der holden Süßigkeit und des Balsams sanfte Stärke. „doch da ich in dir zugleich eine Bitterkeit bemerke,

„die aus deinem Kelche dünstet; überleg’ ich dieß dabey, „daß, so wie fast überall bitter sich mit süssem mischet, „es mit dir nicht anders sey. „dennoch steckt ein Trost darinn, da, wenn man es wohl

erweget, „und im Gegensatz das Bittre mit dem Süssen überleget, „dieses, obs gleich nicht so scheinet, „und, weil man darauf nicht achtet, in der Welt fast

niemand meynet, „stärker, als das Bittre, sey. Ja, das oftermahls so gar, „wie in Rosen offenbar, „selbst die Bitterkeit das Süsse

„noch zu mehren, zu vergrössern, zu erheben, dienen müsse. “mögten wir nun unser Denken, „wie es leyder meist geschicht, „bloß nur auf das Bittre nicht,

„nein, auch auf das Süsse lenken!

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