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1680–1747

Von denen Sinnlichkeiten insgemein.

Barthold Heinrich Brockes

Die Sinnen können uns durch ein Gefühl erklären, Was unserm Cörper nützt, und was ihn kan versehren. Doch täuschen sie uns offt, wenn wir sie fragen, Um uns die Wahrheit recht zu sagen.

Wenn die Vernunfft dieselbigen nicht leitet, Verspüret man, wie bald der Fuß in Jrrthum gleitet. Durch starcke Vorurtheil, wohin die Sinnen führen, Statt ihnen unterthan zu seyn,

Beherrschen und regieren Sie öffters unsern Geist. Es scheinet anders nicht, Als daß, erbarmenswerth geblendet, bloß allein Man sich nach ihnen richt.

Die Seele, welche sich Nur gar zu starck gewöhnt an das, was cörperlich, Verspürt, daß sie durch ihre starcke Züge, Die sie berühren, sich vergnüge.

Sie lässt ohn Unterlaß, sich von demselben lencken, Und recht, als litte sie in ihrem Dencken; Beraubet sie sich selbst von ihrem eignem Licht. Ja sie verwirret sich,

Und hat ihr Augenmerck auf anders nichts gericht’t Als auf den Druck und Trieb, die so unordentlich, Und welche ihr recht mit Gewalt verwehren Auf ihre wahre Lust den Blick zu kehren.

So wie, bey einer grossen Menge, Der Zweck der künstlichsten Beredsamkeit Verfehlet wird, durch ein Getös’ und Schwärmen; Und wie der Reitz der lieblichsten Gesänge

Gestohret wird durch ein zu starckes Lermen.

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